Fights, Bites, and Videotape

Durchtrainierter Körper, schmierige Haare, undeutliches Gebabbel. Es erklingt „Golden Brown“ von The Stranglers und Jason Statham verrät aus dem Off, dass ein zigeunerischer Bare-knuckle Box-Champion “harder than a coffin nail“ sei. Hört man hierzulande „Bare-knuckle Boxen“, dann denkt man vermutlich an Brad Pitt und Guy Ritchies Snatch. Die Pavee, die irischen Nomaden, sind amüsanterweise sehr stolz auf die Komödie, selbst wenn sie sich nicht als Zigeuner verstehen und der Film lediglich oberflächlich etwas mit ihrer Realität gemein hat. Aber immerhin stellt sie auf der Leinwand ein Hollywood-Star dar. Zeitgleich zu Snatch (2000) drehte auch Ian Palmer einen Film über Bare-knuckle Boxing - seine 12 Jahre überbrückende Dokumentation Knuckle.

Angefangen hatte alles mit der Videoaufzeichnung einer Hochzeit Ende der 1990er Jahre. Der Bräutigam war Michael Quinn McDonagh, während einige Straßen weiter seine beiden älteren Brüder James und Paddy dem Würfelspiel frönten. Nicht das einzige Laster der Quinn McDonaghs, wie sich herausstellt. James ist vielmehr der Bare-knuckle Champion der Familie und als solcher im Dauereinsatz. Weil sein Bruder Paddy Anfang der Neunziger ein Mitglied der Pavee-Familie Joyce nach einem Bar-Streit totgeschlagen hat, sitzen sich die beiden Clans seither an der Gurgel. Dabei sind sie nicht die einzigen: Egal ob Quinns, McDonaghs, Joyces, Nevins oder andere – der Hass sitzt tief und geht laut Manchen 20, Anderen zufolge sogar 50 Jahre zurück. Und er wird weiter vererbt.

Hass aus Tradition, der mittels Bare-knuckle Boxen ein Ventil erhält. “The families don’t like each other, it’s the safest way to sort things out“, bestätigt James Quinn McDonagh. Doch hierbei handelt es sich nicht nur um eine Fehde zwischen Familien, sondern um eine Familienfehde. Innerhalb der Pavee-Gemeinde sind viele Familien miteinander verwandt, so auch die McDonaghs und Joyces. “Brothers and cousins fighting brothers and cousins“, nennt Ian Palmer dies bei Aufnahmen aus dem Jahr 1999. Sieben Kämpfe wurden damals an einem Tag organisiert, darunter auch derjenige zwischen den beiden Cousins Michael Quinn McDonagh und Paul Joyce. Doch Blutverwandtschaft zählt in diesen Kämpfen nicht, nur der Name des jeweiligen Clans und somit dessen Ehre.

Two right men go out to fight, both want to finish it. 
A good fight lasts 20 minutes, the men should be broken up. 
Noses and mouths broke in, black eyes, maybe 15 or 16 stitches. 
That’s a fight. (Big Joe Joyce)
Zumindest lautet so die Idee, umgesetzt wird sie jedoch ganz anders. Zwar ist Bare-knuckle Boxen laut James McDonagh “the safest way to sort things out“, dennoch weiß auch er: “You could kill someone“. Hört man ihm so zu, scheint er eher widerwillig gegen die Joyces und Nevins anzutreten. “We are no saints“, meint er dann auch bezüglich seiner eigenen Sippschaft. Vielmehr noch: Palmer springt ein Mal zu einer Aufnahme aus 2009, in welcher James hinsichtlich der in Oxford und London beheimateten Joyces gar sagt: “They’re the nicest people in the world“. Versuchte Knuckle zwar zu Beginn, die Kämpfe als Form der Konfliktlösung zu propagieren, wird mit fortschreitender Filmdauer klar, dass das Boxen im Laufe der Zeit eine ganz andere Bedeutung bekommen hat.

In seinem ersten Kampf ging es für James ‘The Mighty’ Quinn McDonagh noch darum, den Zwist nach dem Tod von Brian Joyce zu schlichten. In seinem letzten Kampf sollte James dann gegen den Sohn jenes Mannes kämpfen, den er in seinem ersten Kampf besiegt hatte. “Bare knuckle fighting is about representing your family”, erzählt Ian Palmer [1]. In manchen Fällen mag dies stimmen, in anderen jedoch weniger. So prügeln sich zum Schluss des Films erneut Michael McDonagh und Paul Joyce. Ersterer hat durch sein Training einen gestählten Körper, Letzterer scheint dagegen weniger in Topform geblieben zu sein. Um die Ehre der Familie geht es in diesem reunion fight weniger, eher um Geld. Jeder Clan investiert in seinen Vertreter, im Falle von Michael und Paul sind es 60 000 Pfund.

Summen, die je nach Kampf und Kämpfer auch nach oben schnellen können. So gewann James McDonagh mit seinem letzten Sieg ein finanzielles Zubrot von 180 000 Pfund. Sicherlich mag es zahlreiche Mitglieder der Familie Joyce oder Nevin wurmen, wenn sich James für unbesiegbar hält. Noch reizvoller als ihn eines Besseren zu belehren sind jedoch wohl eher die schnell verdienten Riesensummen. Dementsprechend ist durch die gesamte Dokumentation hindurch auch kein Ende der Kämpfe in Sicht. Und gerade wenn Palmer ältere Pavee oder die Frauen der Familie vor die Kamera kriegt, zeigt sich, dass Bare-knuckle Boxen vielleicht nicht verkommerzialisiert, aber inzwischen zweckentfremdet wurde. “It’s proving nothing“, seufzt daher eine der Frauen.

Michael Quinn McDonagh versus Paul Joyce im Jahr 1997...
... und für ein Preisgeld von ₤60 000 ein Jahrzehnt später.
Zugleich scheint sie hin- und hergerissen. Ihre Mutter ist eine Nevin, wie ohnehin jeder irgendwo in seinem Stammbaum eine/n Nevin oder Joyce besitzt. “We’re all one“, zeigt sich das McDonagh-Mitglied unverständig. Kurz darauf berichtet uns Palmer, dass die Meinung der Frauen keine Rolle für die Männer spielte. “Each fight just seemed to lead in another“, stellt er nach einer Stunde Laufzeit langsam fest. Zwar spricht er James McDonagh in einer Szene bezüglich der finanziellen Vorzüge der Kämpfe an, dennoch konfrontiert der Regisseur die Beteiligten leider nicht mit dem von ihnen selbst vorangetriebenen Irrsinn. Denn den meisten Kämpfen geht eine Videobotschaft einer der Parteien voraus. “It’s what you say on the videos that makes the fights“, weiß einer der „Ringrichter“.

Absurde Ausmaße nimmt dies an, wenn sich Michael und Paul nach ihrem reunion fight darüber lautstark auslassen, wer nun eigentlich auf das Video von wem reagiert hat. Und jener Videoaffinität der Pavee hat es Palmer wohl auch zu verdanken, dass er den drei Familien über ein Jahrzehnt lang folgen durfte. Zwar kommen auch Big Joe Joyce oder Ditsy Nevin zu Wort, dennoch liegt der Fokus von Knuckle ganz klar auf den Quinn McDonaghs, speziell dem heroisierten James ‘The Mighty’. Begann er das Bare-knuckle Boxen, um die Fehde zu beenden und führte es primär fort, weil es gutes Geld einbrachte, geht es Big Joe dagegen darum, den Ruf des „King of the Travelers“ für sich zu beanspruchen. Einen lässt Palmers dabei erstaunlicherweise total außen vor: Paddy Quinn McDonagh.

Ihm ist die Familienfehde letztlich zu verdanken, war er es doch, der 1992 wegen Totschlags an Brian Joyce nach einem Streit ins Gefängnis musste und so den lange begrabenen Hass zwischen den Clans wieder zum Vorschein brachte. Eine Stellungnahme zu dem Vorfall liefert er Palmer jedoch nicht und scheinbar waren es auch seine Brüder, die um die Ehre seines Namens und den des Clans kämpfen mussten, anstatt er selbst. “I was completely hooked from day one”, erinnert sich Palmer. “Not hooked necessarily on making a documentary, but just ... seduced by this thing.” [2] So erklärt sich wohl, dass Knuckle keine sonderlich objektive Dokumentation geworden ist, die viele Dinge hinterfragt, sondern eher ein filmisches Dokument eines adoptierten „Familienmitgliedes“.

Michael Quinn McDonagh und sein Bruder James 'The Mighty'.
Und vermutlich hätte Palmer einfach unentwegt weiter gefilmt, hätte ihm James McDonagh nicht Ende des vergangenen Jahrzehnts ein Ultimatum gesetzt. Der Rückkampf zwischen Michael und Paul sollte der letzte Einblick sein, den Palmer erhalten würde. Für Michael ging es hier um die Ehre, hatte er den 97er Kampf doch verloren, weil er wegen unerlaubten Beißens disqualifiziert worden war. Paul dagegen lockte wohl das Geld, sowie die Tatsache, dass ein Joyce nicht vor der Videobotschaft eines Quinn McDonagh den Schwanz einziehen kann. Bezeichnend ist jedoch, dass sich dieser Kampf um alles dreht, außer den Tod von Brian Joyce. Was die Naht der Narbe zwischen den Familien wieder aufriss, spielt 15 Jahre später keine Rolle mehr. „Frieden“ scheint dennoch nicht möglich.

Gegen Ende der Dokumentation fängt Palmer einige der Quinn McDonagh Jungs ein, die im Hof ihres Viertels Schattenboxen betreiben. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich zumindest einige von ihnen in zehn Jahren auf einer verlassenen Landstraße oder einer Baustelle wiederfinden. Gelockt von einem diffamierenden Video eines Joyce oder Nevin streben sie dann danach, ihren Clan zu repräsentieren und ihre Ehre hochzuhalten. Mit Paddy McDonagh und Brian Joyce wird dies nichts mehr zu tun haben, noch weniger mit Vorfällen, die ihren Ursprung Mitte des 20. Jahrhunderts finden. Vielleicht gehört das Bare-knuckle Boxen auch einfach zur Kultur der Pavee dazu. Und solange keiner der Cousins zu Schaden kommt, ist es vermutlich in der Tat “the safest way to sort things out“.



Quellenangabe:


[1] B. Alan Orange (2011): Exclusive: Ian Palmer and James Quinn McDonagh talk Knuckle. In: Movieweb, http://www.movieweb.com/news/exclusive-ian-palmer-and-james-quinn-mcdonagh-talk-knuckle.
[2] Kieran Mulveney (2011): Of Travelers, family feuds and bare knuckles … In: ESPN.com, http://sports.espn.go.com/sports/boxing/news/story?id=6054377.


Szenenbilder „Knuckle“ © Revolver Entertainment.

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