Raping. But With Love!


Es war Robert F. Kennedy, der einst sagte: Nur diejenigen, die es wagen, groß zu scheitern, können auch Großes erreichen. Für manchen mag dies zum Mantra werden. So versucht Terry Gilliam seit rund anderthalb Jahrzehnten, seinen The Man Who Killed Don Quixote zu verfilmen. Stanley Kubrick gab sein Napoleon Bonaparte-Biopic derweil nach langer Vorarbeit Ende der 1960er Jahre entnervt auf. Auch Alejandro Jodorowsky dürfte Kennedys Zitat ein Schmunzeln abringen. Immerhin investierte der Chilene über zwei Jahre seines Lebens in eine Adaption von Frank Herberts Dune. Was für die einen die Verfilmung eines Kultromans war, avancierte für Avantgarde-Regisseur Alejandro Jodorowsky zu weit mehr als das.

“What I wanted was to create a prophet“, erläutert der Chilene in Jodorowsky’s Dune – Frank Pavichs dokumentarischer Aufarbeitung seines gescheiterten Projekts. “To change the young minds of all the world. For me, Dune will be the coming of a god“, schwärmt Jodorowsky. Das Medium Film war für ihn weit mehr als nur Kunst, es war “the search for the human soul“. In gewisser Weise also nur Mittel zum Zweck und so auch Frank Herberts Sci-Fi-Bibel von 1965. Jodorowsky hatte das Buch nicht einmal gelesen, ein Freund hatte es ihm lediglich empfohlen. Und dennoch erklärte der Regisseur seinem Produzenten Michel Seydoux Dune als sein nächstes Projekt, nachdem zuvor The Holy Mountain zum Hit wurde.


Ziel war, dem Publikum einen Film zu bieten, der wie ein Halluzinogen wirkte, nur dass man kein LSD schlucken musste. “We will change the world!“, lautete Jodorowskys Überzeugung, mit der er zwei Jahre lang täglich seine Mitarbeiter indoktrinierte. Eine durchaus illustre Gesellschaft, voll von Menschen, deren Egos sich vor dem eines Jodorowsky nicht zwingend zu verstecken brauchten: den französischen Künstler Jean ‚Moebius‘ Giraud, den britischen Zeichner Chris Foss, H.R. Giger und für die Spezialeffekte Dan O’Bannon. Letzterer war zweite Wahl, nachdem es mit Szene-Größe Douglas Trumbull nichts wurde. “He is not my spiritual warrior“, erklärte seinerzeit Jodorowsky gegenüber Michel Seydoux.

Gleichgesinnte fand der Chilene wiederum in Giraud und den anderen. Viele davon traf er eher zufällig, so Jodorowsky. “By chance“ – aber so, wie er es erzählt, klingt es vielmehr nach Schicksal. Zufällig sei man im selben Hotel gewesen wie Salvador Dalí, der eine Nebenrolle übernehmen sollte. Zufällig war er in Paris auf derselben Party, die auch Mick Jagger besuchte, den Jodorowsky für die Rolle von Feyd-Rautha wollte. Während Jagger, Udo Kier (Piter deVries) oder Keith Carradine (Leto Atreidis) bereitwillig involviert sein wollten, mussten Dalí – mit einer Gage von $100.000 pro Filmminutenpräsenz – und der als Baron Harkonnen vorgesehene Orson Welles – mit täglicher Sterneküche – umgarnt werden.


Und während die Progressive-Rock-Band Magma, die für die Musik der Harkonnen-Szenen sorgen sollte, leicht zu überzeugen war, musste Jodorowsky auch bei Pink Flyod für die Atreides-Szenen Überzeugungsarbeit leisten. Als diese in Abbey Road ihr The Dark Side of the Moon aufnahmen und gerade zu Mittag aßen, fuhr sie der Regisseur an, wie sie denn Big Macs essen könnten, wenn er ihnen gerade im Begriff sei “the most important picture in the history of humanity“ anzubieten. Eine Ansage, die Wirkung zeigte. Derlei Anekdoten, zu denen auch Keith Carradines Vorliebe für Vitamin E-Tabletten zählt, kennt man von Jodorowsky bereits aus den Audiokommentaren seiner bisherigen Filme.

Unterdessen entstand in Paris bereits Jodorowskys Dune – zumindest auf dem Papier. Giraud fertigte für das Storyboard 3.000 Zeichnungen an. “Drawing by drawing I shoot the picture“, reflektiert der Regisseur. “I use Moebius like a camera.“ Gleichzeitig lieferten Foss und Giger Zeichnungen, der Brite für die Raumschiffe, der Schweizer für die Gebäude. Eine organische Entwicklung, deren Spitze die Besetzung von Paul Atreides mit Jodorowskys eigenem, 12 Jahre alten Sohn Brontis war. Der unterzog sich zwei Jahre lang täglich einem rigiden Kampfsporttraining. Sollte weniger den Helden spielen, als zum Helden werden. Dune befand sich in der Vorproduktion, nur fehlte es an einem Budget.


15 Millionen Dollar veranschlagten Michel Seydoux und Alejandro Jodorowsky 1973 für ihre Adaption. Inflationsbereinigt wären das heutzutage rund 80 Millionen Dollar. Das Ganze für einen Film, für dessen Laufzeit sich sein Regisseur nicht auf 90 Minuten beschränken wollte. “Why the time?“, nörgelt Jodorowsky. Ihm war eher eine zwölfstündige Fassung vorgeschwebt. “It was build up to be the greatest achievement in science fiction“, resümiert Regisseur Nicolas Winding Refn. Ihm hatte Jodorowsky eines Nachts das Storyboard für Dune gezeigt und auditiv untermalt. Doch in Hollywood biss vor 40 Jahren niemand an. “Everything was great“, beschreibt Seydoux die Studio-Reaktion. “Except the director.“

Für den Visionär ein Schlag ins Gesicht. Jahre seines Lebens hatte er in das Projekt gesteckt – etwas, das Ridley Scott anschließend geflissentlich vermied. Einen Traum hatte Jodorowsky und der drohte zu scheitern. Inzwischen ging es nicht mehr darum, Frank Herberts Dune zu drehen, sondern das des chilenischen Regisseurs. “It was my Dune, sagt Jodorowsky hinsichtlich einiger inhaltlicher Freiheiten und Veränderungen, die er vorgenommen hatte. “When you make a picture you must not respect the novel“, lautet seine These. “I was raping Frank Herbert, raping, like this“, beschreibt der Regisseur schelmisch. “But with love, with love,“ Für den Romanautor, so heißt es, gingen die Änderungen in Ordnung.


Wie Jodorowskys Dune ausgesehen hätte, kann man auch nach Jodorowsky’s Dune nur erahnen. Ein visuell opulentes Werk wäre es gewesen, vielleicht bahnbrechend. Die Zeichnungen von Foss und Giger sowie das Storyboard von Giraud wirken vielversprechend. Anschließend sollten Giger und O’Bannon mit einigen ihrer Entwürfe zu Alien wandern, der Schweizer gar einen Oscar gewinnen. Auch weitere Elemente, so Frank Pavichs These, fanden ihren Weg in andere Produktionen wie Star Wars oder Raiders of the Lost Ark. Das Fazit der Dokumentation lautet somit: Alejandro Jodorowsky war seiner Zeit voraus. Ein Bild, dessen sich der eigenwillige Regisseur wohl bewusst zu sein scheint.

Seine schrullig-kauzige, enthusiastisch-begeisterte Art ist an sich das Highlight von Frank Pavichs Film. Nie um eine absurd-vergnügliche Anekdote verlegen, ist Alejandro Jodorowsky ein Erzähler und Märchenonkel par excellence. Und angesichts der Skizzen, Bilder und Ideen seiner “spiritual warriors“ ist es durchaus schade, dass seine Version von Dune nicht das Licht der Welt erblickt hat. Es wäre sicher – so oder so – ein Film geworden, der seinesgleichen gesucht hätte. In gewisser Weise ist er nun, in dieser Form, doch irgendwie zum Leben erwacht. Und letztlich, auch durch die Filme, die er mit seiner Vorarbeit beeinflusst hat, vermochte Jodorowskys Dune in seinem Scheitern dennoch Großes zu erreichen.


Szenenbilder “Jodorowsky’s Dune“ © Sony Pictures. All Rights Reserved.

Kommentare:

  1. Klingt fantastisch und will ich unbedingt sehen. Also die Doku, obwohl "Dune" in der 12-Stunden-Fassung (hallo HBO?) bestimmt auch ein faszinierender Trip gewesen wäre. Ich mochte ja auch bereits "Lost in La Mancha" sehr, insofern freue ich mich drauf!

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    1. "Lost in La Mancha" habe ich selbst noch nicht gesehen, aber Gilliams "Don Quixote" ist ja aktuell (mal wieder) in der Planungsphase.

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