Just Pure Pleasure


„Denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist so ein Ausspruch, den man im Fall von Larry Clarks Kids auch erweitern könnte zu: Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen. Zu sagen, Kids schlug 1995 ein wie eine Bombe, ist sicherlich zu viel des Guten. Provokativ war Harmony Korines Drehbuch über einen Tag im Leben einer Gruppe Jugendlicher während der Sommerferien aber allemal. Rita Kempley schrieb seiner Zeit in der Washington Post gar von “child pornography” [1], die höchstens Pädophile reizen würde [2]. Der Film will nicht zwingend schockieren, aber durchaus auf etwas hinweisen. Auf eine Welt, die Erwachsene nicht mehr vollends verstehen, obwohl sie selbst in ihr gelebt haben. Die Welt des Teenagers.

Kids spielt während eines warmen Sommertages in den Straßen von New York. Es sind Ferien und die jugendlichen Protagonisten suchen sich außerhalb der Schule ihre Beschäftigung. Der pubertierende Telly (Leo Fitzpatrick), dessen Sexualität jüngst erblühte, geht zu Beginn seinem Ziel nach, gleichaltrige Mädchen zu entjungfern. “Virgins. I love it”, verrät uns die Figur via Erzählstimme. “No diseases. No loose as a goose pussy. No skank. No nothing. Just pure pleasure.” Wie sich im Laufe des Films herausstellen wird, stimmt dies nur bedingt. Zumindest der Aspekt mit den Krankheiten. Die sind durchaus präsent, wenn auch nicht bei den Jungfrauen – sondern vielmehr in der Person von Telly.


Der Tag im Film endet dabei später so wie er begann: Mit Telly, wie er ein junges Mädchen dazu überredet, ihre Jungfräulichkeit an ihn zu verlieren. “You care about me?”, fragt die namenlose 12-Jährige zu Beginn wie am Ende auch die 13-jährige Darcy (Yakira Peguero). Wie die Frage der Mädchen nach Zuneigung dieselbe ist, so ist es auch Tellys Antwort: “Of course I do.” Zweifel während des sexuellen Akts selbst wischt der Teenager dann durch aufmunterndes Lob bei Seite. In beiden Fällen vollziehen die Mädchen den Geschlechtsverkehr mit Telly ohne Kondom. Dabei sollte es gerade Darcy besser wissen, erzählte sie Telly zuvor doch von ihrer älteren Schwester Nicky, die mit 15 Jahren ihr erstes Kind gebar.

Clark und Korine gehen hier wohl bewusst etwas ins Drastische, bedenkt man, dass 1995 bereits 71 Prozent der Mädchen sowie sogar 82 Prozent der Jungen beim Sex verhütet haben [3]. Seit Anfang der 1980er Jahre war die Zahl der Frauen, die auf Verhütungsmittel zurückgreifen kontinuierlich gestiegen, von 48 Prozent auf 79 Prozent im Jahr 2013 [4]. Auch Sex bei den Unter-15-Jährigen ging in den USA zurück, so erleben Jugendliche seither ihr erstes Mal im Schnitt mit 17 Jahren [5]. Für Kids ist der Aspekt des ungeschützten Sex’ natürlich entscheidend, dreht sich der Film im Kern doch um die Risiken dieses Verhaltens in Form einer HIV- bzw. Aids-Erkrankung – im Film personifiziert durch Chloë Sevignys Jennie.


Auch sie verlor ihre Jungfräulichkeit an Telly. Aus Solidarität begleitet Jennie ihre Freundin Ruby (Rosario Dawson) zur HIV-Vorsorge und wird dabei positiv auf die Krankheit getestet. Es ist Ironie, dass es Jennie, die nur einmal Sex hatte, trifft, während Ruby, die immerhin mit 15 Jahren bereits neun verschiedene Sexualpartner hat, von denen sie mit 4 Analverkehr vollzog, ungeschoren davon kommt. “Now I have to tell my little brother that I’m gonna die”, ist die 16-Jährige hinterher aufgelöst, auch wenn Ruby ihr zuredet “it’s gonna be okay”. Für Jennie bleibt nun nur, die schlechte Nachricht an Telly zu übermitteln, vorzugsweise, ehe dieser droht, die Krankheit an ein weiteres junges Mädchen weiterzugeben.

Fortan erlebt der Zuschauer die Umgarnungsversuche von Telly gegenüber Darcy aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ist der 16-Jährige erfolgreich, wird die 13-Jährige dadurch HIV-infiziert, für die 12-Jährige zu Beginn kommt jede Hilfe schon zu spät, die Dunkelziffer der weiteren Infizierten bleibt unbekannt. Zumindest für Jennie ist nun Realität, was für ihre Altersgenossen bis dahin eher unwirklich schien. “I don’t know no kid with AIDS, man”, sagt einer der Jugendlichen auf einer der Drogenpartys, die Telly besucht. “No one I know has ever died from that shit.” Zwar ist HIV und Aids ein Thema unter den Jugendlichen, allerdings keins, das sie für sich reklamieren. Dabei sind gerade sie eine der Haupt-Zielgruppen.


In der Phase zwischen dem ersten Sex und der Eheschließung besteht die erhöhte Gefahr einer sexuellen Erkrankung [6]. Rund ein Viertel aller HIV-Patienten (23 Prozent) in den USA gehört zu der Altersklasse der 13- bis 24-Jährigen [7]. Jennie ist dabei das „Nachher“-Bild, das wir in Kids nicht von Tellys „Errungenschaften“ zu sehen kriegen. Sie und Telly erhalten keine gemeinsame Szene im Film, der Zuschauer kann sie sich aber auch so vorstellen. “You care about me?”, wird Jennie gefragt haben. “Of course I do”, dürfte Tellys Antwort gewesen sein. Nach dem Sex folgte jedoch Ignoranz und bei der 16-Jährigen Frust, Enttäuschung und ein bleibender Schaden. Psychologischer Natur, aber eben auch physischer.

Die Unreife innerhalb der sexuellen Reife skizzieren Clark und Korine jedoch keineswegs als rein männliches Problem. Exemplarisch stellt der Film die jeweiligen Geschlechter in einer Sequenz einander gegenüber, wo Jungs und Mädchen über Sex und ihr Bild vom anderen Geschlecht sprechen. “I love sex, girl”, macht Ruby da direkt deutlich. “Hard-core pound fucking.” Die Mädchen sind nicht frei von Schuld, wo man von einer solchen sprechen will. Wie bereits erwähnt hat Darcy in ihrer großen Schwester ein abschreckendes Beispiel. Und auch Telly sieht in seinem eigenen Zuhause mit seiner Mutter, welche Folgen eine frühe Schwangerschaft auf das Leben von Mutter und Kind haben kann.


So raucht Tellys Mutter, während sie gleichzeitig sein junges Geschwisterchen stillt. Der Sohn klaut ihr derweil Geld aus der Tasche und sie ermahnt ihn, bis 4 Uhr nachts wieder Zuhause zu sein. Die Kinder in Kids werden – sicher auch, weil Schulferien sind – sich selbst überlassen. Und wissen außer Sex, Alkohol und Drogen zu frönen nicht wirklich etwas mit sich anzufangen. Ein Paradebeispiel ist dabei Tellys gleichaltriger Freund Casper (Justin Pierce), die sicher charismatischste Figur unter den Jungen. Casper ist mit seinen 16 Jahren bereits ein harter Alkoholiker, dabei aber trotz einiger gegenteiliger Szenen in der zweiten Hälfte des Filmes nicht zwingend ein grundsätzlich schlechter Mensch.

In der Tat wird viel Gutes und Schlechtes bei Casper einander gegenübergestellt. Wir sehen ihn eingangs Alkohol und einen Pfirsich aus einem koreanischen Lebensmittelladen stehlen, den Pfirsich schenkt er anschließend jedoch einem kleinen Mädchen (auch wenn dieses das Obst nicht isst). Als später in der U-Bahn ein Obdachloser mit amputierten Beinen bettelt, gibt ihm der Skateboarder Casper etwas Wechselgeld. Gleichzeitig ist es jedoch auch Casper, der in der Szene im Washington Square Park der Auslöser für einen brutalen Übergriff auf einen Passanten ist, den der Teenager zuvor angerempelt hat. Eine Gewalteruption, die nicht nur Casper, sondern die ganze Gruppe der anwesenden Jungen ergreift.


Dem Jugendgewalt-Charakter widmet sich der Film nur peripher, konzentriert in dieser einen Park-Szene, die beispielhaft für ähnliche Vorfälle steht. Der Berliner Gerichtsgutachter Karl Kreutzberg spricht hierbei von einem „überschießend unkontrollierte[n] Herumalbern“, in dessen Folge dann Jungs viel zu laut seien [8]. Zu viel Adrenalin, zu viel Testosteron, zu wenig Verstand sei laut Kreutzberg in solchen Situationen im Spiel [9]. „Da weiß man sofort, es dauert nicht lange, dann wird es ernst.“ [10] Die Gruppendynamik tut dann ihr Übriges. Letztlich warten die Jungen nur auf einen Grund, um aus Langeweile ihrem Frust freien Lauf zu lassen. So startet die Szene im Park damit, dass ein Schwulenpärchen beschimpft wird.

Da passt es natürlich, dass die Jungs bei einem abendlichen Einbruch in das lokale Schwimmbad wiederum zwei Mädchen ihrer Clique zu homosexuellen Aktivitäten animieren. Wo Schwulsein nicht okay war, ist es lesbisches Herummachen dagegen schon. “You guys are fucking sick, you know that?”, verbalisiert zwar eines der Mädchen den Gewalt-Vorfall im Park – hängt aber dennoch bereitwillig mit Casper und Co. ab. Eben auch, weil die Alternativen fehlen. In der Folge geben sich die Jugendlichen bei einer nächtlichen Party wieder Alkohol und sexuellen Aktivitäten hin, während Tellys Bemühen bei Darcy fruchtet und Jennie zu spät auftaucht. Lediglich ein “shut the fucking door!“ kriegt sie noch zu hören.


Jennie verkriecht sich auf die Couch, wo bereits die nächste, jüngere Generation zugedröhnt liegt. Ihnen geht es ähnlich wie Telly und Co. – sie sind sich selbst überlassen und kopieren das Verhalten der Älteren. Während Telly und Darcy nach dem Sex-Akt einschlafen, wacht Casper aus seinem Rausch wieder auf. Notgeil vergewaltigt er eine benebelte Jennie, als wäre deren Leid nicht bereits groß genug. Die „Strafe“ folgt auf dem Fuß, markiert Casper damit doch das finale HIV-Opfer dieses Tages, neben Jennie, Telly, Darcy und dem 12-jährigen Mädchen. Welche Zukunft ihnen allen bleiben wird, ist unklar. Die Reaktion auf ihre Erkrankung ersparen Larry Clark und Harmony Korine ihren Charakteren.

Kids ist dabei nicht zwingend repräsentativ für die Welt der Jugendlichen Mitte der 1990er – vielleicht nicht einmal unbedingt für die im New York der damaligen Zeit. Auch wenn viele Elemente des Films den Beteiligten bekannt vorkamen [11]. Dennoch vermochte Clark, der vor Filmbeginn viel Zeit mit den Jugendlichen verbrachte, um ihr Vertrauen zu gewinnen, durchaus die Atmosphäre eines jungen Lebens zu der damaligen Zeit einzufangen. “Life is too short”, versucht ein Taxifahrer die traurige Jennie in der Mitte des Films aufzumuntern. Nicht ahnend, dass dies mit der Nachricht des Tages nun tatsächlich so für sie sein wird. All das nur, weil sie, Telly, Casper, Darcy, Ruby und Co. nicht wussten, was sie tun sollten.




Quellenangaben:

[1] vgl. Kempley, Rita: Kids (NR), in: The Washington Post, 25.8.1995, http://www.washingtonpost.com/wp-srv/style/longterm/movies/videos/kidsnrkempley_c029f5.htm.
[2] ebd.
[3] vgl. o.A.: American Teens’ Sexual and Reproductive Health, in: Guttmacher Institute, September 2016, https://www.guttmacher.org/fact-sheet/american-teens-sexual-and-reproductive-health.
[4] ebd.
[5] ebd.
[6] ebd.: “On average, young people in the United States have sex for the first time at about age 17 but do not marry until their mid-20s. During the interim period of nearly a decade or longer, they may be at heightened risk for unintended pregnancy and STIs.”
[7] ebd.
[8] vgl. Mielke, Michael: Warum Jugendliche plötzlich gewalttätig werden, in: Berliner Morgenpost, 29.7.2013, http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/kriminalitaet/article118478331/Warum-Jugendliche-ploetzlich-gewalttaetig-werden.html.
[9] ebd.
[10] ebd.
[11] “I grew up around a bunch of girls, who at 13 or 14 were having sex with their boyfriends, who were usually drug dealers, and they were usually not using condoms, because the boyfriend preferred to do it ‘raw dog‘ because it felt better”, beschreibt Ruby-Darstellerin Rosario Dawson, s. Bates, Rebecca: Rosario Dawson Looks Back at ‘Kids’ 20 Years Later, in: Vice, 26.6.2015, https://www.vice.com/en_uk/article/rosario-dawson-talks-kids-20-years-later-625.

Szenenbilder “Kids” © Filmjuewelen. All Rights Reserved.

Kommentare:

  1. "Kids" war früher tatsächlich etwas wie ein Kultfilm in bestimmten Kreisen, in denen man sich bewegt hat. Ich fand ihn immer unangenehm und er hat mich mehr mitgenommen als ich dies hätte zeigen können. Meine eigene Jugend hatte nichts mit der gezeigten Realität zu tun und doch ist mir der Film näher gegangen als Horror-Schocker o.ä., die man sich damals (ich war 16 oder 17) so angeschaut hat.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich weiß noch wie "schockiert" ich bei der Erstsichtung von Jennies Vergewaltigung war.

      Löschen