Let them fly commercial


Die Anekdote von Marie Antoinette und ihrer vermeintlichen Reaktion auf das hungernde Volk, das nach Brot verlangte (“Let them eat cake”), ist – historisch belegt oder nicht – in die Geschichte eingegangen. Ein Beispiel für dekadenten Größenwahn findet sich auch in Lauren Greenfields Dokumentation The Queen of Versailles, die sich zwar nicht mit Marie Antoinette befasst, aber in gewisser Weise mit einer ihrer vielen Erben. Ursprünglich als Porträt der Milliardärsfamilie David Siegel geplant, avancierte der Film durch die Weltwirtschaftskrise von 2008 zu einem grandiosen Vorher-Nachher-Bild der amerikanischen Gesellschaft. “From riches to rags”, wie David Siegel selbst, der Ironie der Situation bewusst, sagt.

Der in Orlando, Florida ansässige Siegel verdankt seinen Reichtum seiner Ferienwohnrechtsfirma Westgate Resorts, die zum Zeitpunkt des Drehbeginns die Größte des Landes gewesen sein soll. Ein entsprechend einflussreicher Mann war Siegel, der im ersten Akt andeutet, für die Präsidentschaft von George W. Bush gesorgt zu haben. Wie genau, will er vor der Kamera jedoch nicht verraten. “It may not necessarily have been legal”, schmunzelt er. Könnte Siegel etwas mit der Stimmennachzählung von 2000 zu tun haben? Auf jeden Fall zeichnet Greenfield anfangs das Bild von einem Mann, der gewöhnlich kriegt, was er will. Und der, wie das Ende des Films zeigt vielleicht das gekriegt hat, was er tatsächlich verdient.

Allen voran vermutlich seine dritte Ehefrau Jaqueline, ehemalige Miss Florida von 1993 und die Titelgebende Königin von Versailles. Ein “small town girl”, das nach der Schule eine technische Ausbildung bei IBM absolvierte, jedoch mehr vom Leben wollte und in New York City das Modeln anfing. Dort heiratete sie dann einen Wall Street Broker, ließ sich scheiden, zog nach Florida, gewann die staatliche Miss-Wahl und lernte zwei Jahre später schließlich den 30 Jahre älteren David Siegel kennen. “It took me a while to fall in love with him”, sagt sie über ihren Gatten. “All I wanted was love from him”, gesteht die 43-Jährige. Dass ihr zweiter Mann ein Milliardenvermögen besaß, dürfte nicht geschadet haben.


David sagt zwar, er könne nicht verstehen “what she sees in me”, das Publikum vermag jedoch zwischen den Zeilen zu lesen. Als Kind sei sie in einem Haus mit nur einem Badezimmer aufgewachsen, erzählt Jaqueline als würde sie von ihrer Zeit aus den Slums berichten. Zum Glück bauen die Siegels gegenwärtig eine Villa, die über 30 Badezimmer verfügt, mehr als es Personen im Haushalt gibt. Hinzu kommen zehn Küchen, eine Sushi-Bar, eine Bowlingbahn und zwei Tennisplätze. Über drei Stockwerke erstreckt sich die neue Residenz, die vom Interieur her Versailles nachempfunden wurde. Stolze 90.000m² soll es beanspruchen und wäre in der Folge das größte Haus in den USA – “bigger than the White House”.

Sie hätten nicht bewusst das größte Haus im Land gebaut, gesteht Jaqueline: “It kind of happened”. Der erste Akt von The Queen of Versailles zeigt uns das fantastische Leben der Schönen und Reichen. “If you don’t wanna feel rich than you’re probably dead”, sagt David. In ihrer Welt wird Klasse durch Masse dargestellt, das zeigt sich auch bei der Anzahl ihrer acht Kinder, sieben davon eigene. Früher wollte Jaqueline nur eines oder zwei, aber als sie merkte, dass sich ein Kindermädchen um sie kümmern würde, konnte sie so viele haben wie sie wollte. Eines der wenigen Dinge im Siegel-Haus, das sich in Grenzen hält, ist Verantwortung. “I think everybody is better off being my child”, sagt David.

Dazu gehört auch Richard Siegel, einer seiner Söhne aus einer früheren Ehe, der inzwischen in Las Vegas bei Westgate Resorts angestellt ist. Die Beziehung zu seinem Vater bezeichnet er als geschäftlich, wirklich eng seien sie nicht miteinander. Dankbar für die Möglichkeiten, die ihm David ermöglicht hat, ist er aber wohl schon, während er sein Verkaufsteam einpeitscht, Ferienwohnrechte an den Mann zu bringen. Eigentlich könnte wenig besser sein im Leben der Siegels – bis zu jenem Tag in 2008, als die Weltwirtschaftskrise die Börse traf und letztlich auch Westgate Resorts. David Siegel musste 7.000 Angestellte entlassen, stand vor dem Bankrott und Versailles verkam vorerst wieder zum Traumhaus.


“Everything’s for sale”, sagt Jaqueline nun. Versailles steht für 75 Millionen Dollar zum Verkauf, im Haushalt der Siegels muss eingespart werden. Statt 19 Bediensteten müssen nun vier ausreichen und die Kinder besuchen statt einer Privatschule eine öffentliche Bildungseinrichtung. “They might have to go to college now”, sagt ihre Mutter angesichts der Tatsache, dass sie wohl nicht aus Papis Tasche leben werden können. Ein Universitätsbesuch als Ende der Fahnenstange. Als Jaqueline mit den Kindern eine alte Freundin besucht, fliegen sie erstmals nicht mit ihrem Privat-, sondern einem Transportflugzeug. “What are all these people doing on our plane?”, fragten die Kinder da ihre Mutter.

Die wiederum ist selbst kaum besser. Obschon gespart werden muss, verfällt sie einem Shopping-Rausch, kauft Brettspiele en masse und ein Fahrrad. Das landet dann von einer der philippinischen Haushälterinnen in der Garage, wo es zu den gut 20 anderen gestellt wird. Unterdessen sterben die Haustiere der Kinder weg, weil sie nicht gefüttert werden, was aber nicht auf die vielen Hunde zutrifft, die auf jeden Fall von den Lebensmittelresten ihrer Herrchen leben können und fleißig das ganze Haus vollscheißen. Ihr Frauchen schimpft zur selben Zeit über die Banker in Greenfields Kamera, die wie Geier seien. Eigentlich, so Jaqueline, hätten die “common people” das Bankenrettungsgeld verdient. “You know, us.”

Und immer wieder berichten Jaqueline sowie ihre Tochter Victoria und ihre Nichte Jonquil, dass sie auch ohne all den Reichtum und Luxus könnten. Aber schön sei er trotzdem. Es hat natürlich seine Vorzüge, wenn man sich wie Jaqueline alleine in einer Stretchlimousine zu McDonalds fahren lassen kann, um sich ein paar Pommes zu holen. Ehemann David dürften beim Anblick der Dokumentation dagegen die Haare zu Berge stehen. Schließlich echauffierte er sich gegen Ende bereits, als im ganzen Haus die Lichter angelassen wurden. Ob ihm seine Ehe Kraft geben würde in diesen schweren Zeiten, fragt ihn Greenfield. Der alte Mann verneint. “Nothing makes me happy these days”, sagt er konsterniert.


Auf ihre Art und Weise spiegeln die Siegels durchaus geschickt die Folgen der Krise von 2008 wieder. Wenn nur noch zwei, drei Filipinas hinter ihnen herwischen, dann lässt sich erahnen, wie es den wirklichen “common people” ergehen muss. Somit kommt man nicht umhin, speziell im zweiten Akt durchaus eine gewisse Schadenfreude zu empfinden, ob der einst so exorbitant und fast schon krankhaft reichen Familie, die von ihrem hohen Ross herunterkommen muss. Mit fortlaufender Dauer zeichnet The Queen of Versailles jedoch noch ein anderes Bild. Eines einer Familie, in der Liebe mehr ein Wort als ein Gefühl zu sein scheint. Und je weniger Geld die Familie hat, desto weniger Harmonie herrscht.

Dass ihm seine Ehe keine Kraft gibt und Jaqueline für David eher ein weiteres Kind darstellt, spricht Bände. Die gezeigte Zuneigung zwischen dem Ehepaar hält sich in Grenzen, die zwischen Vater und Kindern noch mehr. “I think my dad married my mom as a trophy wife maybe”, sagt die älteste Tochter Victoria. “He doesn’t act like he loves her.” Von Liebe spürt man als Zuschauer in dieser Familie nicht viel, was daran liegen könnte, dass hauptsächlich materielle Zuneigung bei den Siegels zum Ausdruck gebracht wurde. So ist Greenfields Film fast weniger Dokumentation über den Niedergang eines Imperiums als einer Familie. Und ob diese private Krise leichter zu überwinden ist als die finanzielle scheint fraglich.

So wechselt die Gefühlslage des Zuschauers gleichsam mit dem Wandel von The Queen of Versailles von Schadenfreude zu einer Form von Mitgefühl. Am Ende tun David, Jaqueline und Co. einem fast leid, angesichts dessen, dass es das nun fehlende Geld war, das die Familie zusammengehalten zu haben schien. Grundsätzlich sind sie nicht nur Opfer der Bankenkrise geworden, sondern auch ihrer eigenen Dekadenz. Aus ihren Fehlern gelernt haben sie dabei kaum, lässt sich Jaqueline doch auch zum Schluss noch ihre Botox-Spritzen setzen. Letztlich ist sie also auf eine gewisse Art und Weise durchaus die Queen of Versailles – auch wenn sie ihr eigenes, privates Versailles bis heute nicht beziehen konnte.



Szenenbilder “The Queen of Versailles“ © 2012 by Magnolia Home Entertainment.

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