The Platoon from Hell


Der spanische Philosoph George Santayana sagte: “Only the dead have seen the end of the war.” Ein Zitat, das sicher auf die Opfer des Afghanistan-Krieges zutrifft. Was als Folge der Terroranschläge des 11. September 2001 begann, zieht seine Schatten bis in die Gegenwart. Pro Stunde kostet der Krieg in Afghanistan den US-Steuerzahler scheinbar 10 Millionen Dollar, seit seinem Beginn vor 13 Jahren summieren sich seine Kosten auf über 700 Milliarden Dollar [1]. In dieser Zeit starben 2.351 US-Soldaten [2], vermutlich zehnmal so viele Taliban [3], aber auch über 21.000 afghanische Zivilisten [4]. Drei von ihnen wurden von einem US-Platoon getötet, das in den Medien als “The Kill Team” bekannt wurde.

Dieses Platoon, genauer gesagt die 2. Infanterie-Division, die in der Region Kandahar stationiert war, nahe des Dorfes Maiwand, diente Regisseur Dan Krauss als Thema für seine Dokumentation The Kill Team. Er rollt die Vorfälle, die sich zwischen Januar und Mai 2010 ereignet haben, für das Publikum auf – mit den für die Verbrechen verurteilten Soldaten als Protagonisten und Talking Heads. Im Zentrum steht dabei Specialist Adam Winfield, der scheinbar auf die Vorfälle aufmerksam gemacht hatte, aber nicht erhört wurde. Und sich dann im Mai 2010 selbst der vorsätzlichen Tötung schuldig machte, für die er eine Haftstrafe von drei Jahren erhielt, von der er aber nur ein Jahr verbüßte, ehe er 2012 freikam.

Insgesamt wurden fünf Soldaten zwischen 19 und 29 Jahren wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt, darunter Corporal Jeremy Morlock, der sich in allen drei Fällen schuldig machte. Neben ihm und Winfield sprach Krauss auch mit den Privates First Class Andrew Holmes und Justin Stoner, alle Beteiligten reflektieren relativ nüchtern die Vorfälle von 2010. “Over there it’s combat, man. It happens”, zeigt Holmes beispielsweise wenig Schuldbewusstsein. Eine Eigenschaft, die scheinbar das gesamte Platoon damals an den Tag legte. “People in my platoon…they just changed”, beschreibt Winfield. “Something in them changed.” Monatelang waren sie ausgebildet worden, um zu töten. Und nun wollten sie das auch tun.

Adam Winfield ist einer von fünf verurteilten US-Soldaten des “Kill Teams”.

Die ursprüngliche Idee, Zivilisten zu töten, stammte jedoch von ihrem Vorgesetzten. Im Jahr zuvor hatte die 2. Infanterie-Division in Staff Sergeant Calvin Gibbs einen neuen Gruppenführer erhalten. Und Gibbs berichtete seinen Männern, basierend auf seinen eigenen Erfahrungen im Irakkrieg, wie leicht es sei, jemanden zu töten. Es bedürfe lediglich einer Tatwaffe, die man mit dem Toten in Verbindung bringt. Beispielsweise einer Granate. “Who’s gonna question it?”, formuliert es Morlock. “Nobody’s innocent. Fuck ’em.” Und Gibbs hatte ein Standing im Platoon. Wer seinen Anweisungen folgte, beschreibt Justin Stoner, der überlebte. Also folgten sie ihm auch im Töten von unschuldigen Afghanen.

“Alright. Sure. This is okay”, rekapituliert Morlock seine damalige Reaktion. Sein erstes Opfer war dann ein 15-jähriger Junge, den er und Holmes im Januar 2010 in einem Feld erschossen. “He didn’t register as a person (…) He was just there. I was excited”, erzählt der Corporal. Dass es sich bei dem Jungen um einen Taliban handelte, kam den anderen Platoon-Mitgliedern gar nicht in den Sinn. Und die Dorfeinwohner und Verwandten verlangten vergebens eine Untersuchung seitens der US-Armee. “Who’s gonna question it?” Unterdessen, so macht Winfield in The Kill Team Glauben, seien ihm die Vorfälle immer naher gegangen. Hilfe suchte er zuerst bei seinem Vater, selbst ein Army-Veteran, über einen Facebook-Chat.

Doch die Versuche, die Situation in Afghanistan zu melden, scheinen im Sande zu verlaufen. Zumindest gab es wohl keine Reaktion von irgendeiner Stelle. “Why are they all okay with this?”, fragte sich Winfield. Und wurde nun plötzlich selbst zur Zielscheibe. Gibbs, Morlock und Co. blieb sein Widerwillen nicht unbemerkt und wie sie innerhalb ihrer Einheit mit Petzen verfuhren, sollte PFC Stoner später miterleben müssen, als man ihn verdrosch, nachdem er Haschisch-Konsum zur Meldung brachte. “Friendly Fire” ist ebenfalls keine Seltenheit, auch dies würde wohl niemand allzu sehr hinterfragen. Keine leichte Situation, weshalb sich Winfield im Mai wohl der Situation ergab und an einer Tötung partzipierte.

Jeremy Morlock posiert mit dem Leichnam des 15-jährigen Gul Mudin.

Ans Tageslicht kamen die drei Tötungen dann dennoch, die beteiligten Personen wurden von den Medien danach zum “Kill Team” stilisiert. Die US-Armee war bestrebt, die Vorfälle herunterzuspielen. Wie immer, wenn Kriegsverbrechen aus den eigenen Reihen passieren. Und während Morlock, Holmes und Stoner in Krauss’ Dokumentation das Sichtfeld auf die Umstände erweitern, stehen doch Winfield und seine Eltern im Fokus des Films. Das personalisierte Drama um den unschuldigen im “Kill Team”. Inwieweit Winfield tatsächlich unschuldig ist, lässt sich mittels des Films schlecht beurteilen. Die wahren Opfer und Betroffenen, die Angehörigen der drei Afghanen, bleiben in The Kill Team jedenfalls ungehört.

Was die Beteiligten beschreiben, ist dabei nichts wirklich etwas Neues. Auch in Sam Mendes’ Jarhead lechzt es Peter Sarsgaard nach einer Tötung im Dienst. Immerhin ist dies die Bestimmung der Soldaten: in Afghanistan die Taliban auszumerzen. Die langwierige Suche, wer nun ein Taliban ist und wer in einem Dorf mit ihnen sympathisiert und ihnen hilft – darauf liegt wohl nicht der Schwerpunkt in der Ausbildung der jungen Männer. In diese werden dann sicher auch soziopathisch veranlagte Menschen wie Calvin Gibbs gespült, die sich aus Körperteilen ihrer Opfer Trophäen basteln. Und die ihren Untergebenen vorleben, wie einfach es ist, am Rande der Legalität und Vernunft zu leben. Und zu töten.

Eine tiefergreifende psychologische Auseinandersetzung mit dieser Problematik kann man von Dan Krauss für seine Dokumentation nicht erwarten, Ansätze davon schwingen zumindest unterschwellig in den Aussagen der Interviewten mit. Dass es dem Regisseur gelang, diese als Talking Heads zu integrieren, ist so ungewöhnlich wie bewundernswert. Speziell im Fall von Jeremy Morlock liegt die Gratwanderung zwischen Besonnenheit und Wahnsinn nah beinander, wenn er in ruhigen Worten von den Tötungen in Afghanistan erzählt oder wie man sich damit auseinandersetzte, dass auch Winfield im Zweifelsfall ein solches Schicksal hätte blühen können. Ein “Band of Brothers” sieht sicher anders aus.

Cpl. Jeremy Morlock wurde zu 23 Jahren Haft verurteilt.

Mit Archivaufnahmen, Talking Heads und dem Begleiten der Winfield-Familie gelingt es Krauss ganz gut, in bildhafter Form darzustellen, wofür Mark Boal in seinem Rolling Stones-Artikel 8.500 Wörter gebrauchte [5]. Und dennoch wäre eine Sichtweise eines hochrangigen Armee-Offiziers genauso dienlich gewesen, wie ein Einbeziehen der afghanischen Opfer. Speziell in Hinblick auf Boals Artikel überrascht und irritiert Krauss’ Darstellung von Winfield als unschuldiges Opferlamm. Selbst wenn die Beteiligten nüchtern die Ereignisse rekapitulieren, hätte Krauss Aspekte wie Reue stärker fokussieren können. So wirken die Figuren eher wie eine Bande Jungs, die eben bei einer Dummheit erwischt wurden.

Dass es zu solchen Vorfällen seitens US-Soldaten gegenüber Zivilisten kommt, dürfte wiederum höchstens Amerikaner überraschen. Grundsätzlich ist sicher davon auszugehen, dass dieses “Kill Team” nicht das einzige seiner Art gewesen sein dürfte – weder in Afghanistan noch im Irak. “None of us in the platoon (…) gives a fuck about these people”, soll Morlock am Ende seiner ersten Befragung zu den Ereignissen von 2010 gesagt haben [6]. Auch damit dürfte er nicht alleine dastehen oder überraschen. Insofern gerät The Kill Team weitaus weniger schockierend als vergleichsweise The Tillman Story oder The Invisible War. Was ihm aber nur bedingt zu Lasten fällt, dafür ist das Thema per se zu stark.

Noam Chomsky sagte: “For the powerful, crimes are those that others commit.” So in etwa lässt sich auch die Herangehensweise der Amerikaner in The Kill Team verstehen. Dabei sprechen die Tötungen von Gibbs, Morlock und Co. weniger von einem überbordendem Patriotismus, dem Irrglauben, sein Land und seine Einwohner gegen den bösen Mann in den Bergen Afghanistans zu verteidigen, als dass sie ein Zeichen dessen sind, wie falsch dieser Krieg tatsächlich ist. Und dass so etwas wie ein „Sinn“, so es ihn denn je gab, sich schon lange verabschiedet hat. Was bleibt, ist eine Art Fiebertraum. Entsprechend resümiert Morlock gegen Ende des Films: “It was impossible not to surrender to the insanity of it all.”


Quellenangaben:

[1] vgl. https://www.nationalpriorities.org/cost-of/.
[2] vgl. http://www.defense.gov/news/casualty.pdf.
[3] vgl. Akmal Davi: Despite Massive Taliban Death Toll No Drop in Insurgency, in: Voice of America, 6.3.2014, http://www.voanews.com/content/despite-massive-taliban-death-toll-no-drop-in-insurgency/1866009.html.
[4] vgl. http://costsofwar.org/article/afghan-civilians.
[5] vgl. Mark Boal: The Kill Team: How U.S. Soldiers in Afghanistan Murdered Innocent Civilians, in: Rolling Stone, 27.3.2011, http://www.rollingstone.com/politics/news/the-kill-team-20110327?page=8.
[6] ebd.

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