What comes around, goes around


Die Schule, rückblickend für viele mit die schönste Zeit des Lebens, kann aus der Perspektive der Jugendlichen selbst allerdings oft eher als Tortur wahrgenommen werden. So wird laut einer neuen PISA-Studie in Deutschland „fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing an seiner Schule“ [1]. Marika Liebsch spricht von einem „Massenphänomen“ [2], welches in der Gegenwart auch immer stärker in soziale Medien verlagert wird. Mobbing bezieht sich dabei auf andere Personen ausgeübten Psychoterror, „ausgelöst durch nicht gelöste Konflikte“ [3]. Ein Thema, mit dem sich auch die japanische Mangaka Ōima Yoshitoki in ihrer Manga-Serie Koe no Katachi auseinandergesetzt hat.

Im vergangenen Jahr adaptierte die Regisseurin Yamada Naoko Koe no Katachi – übersetzt zu “The Shape of My Voice”, international jedoch als A Silent Voice vertrieben – in einem Kinofilm. Und folgte darin der Geschichte von Nishimiya und Ishida, zweier Jugendlicher, die eine bewegte Schulzeit miteinander erlebt haben. So ist Ishida (Irino Miyu) ein populärer Unruhestifter in seiner 6. Klasse, in die eines Tages auch Nishimiya (Hayami Saori) versetzt wird. Statt einer üblichen kurzen Vorstellung vor ihren Mitschülern zückt Nishimiya ihren Block – da sie taub ist, möge die Klasse doch bitte diesen als primäres Kommunikationsmittel nutzen. Was die Kinder anfangs machen, ehe Ishidas Hänseleien ausarten.

So äfft er sie zuerst nach, da Nishimiya beim Vorlesen ihre „eigene Stimme nicht gut kontrollieren“ kann und ihr die Sprachmelodie fehlt [4], später wirft er ihren Dialog-Block in den Schulbrunnen. Zeigt Ishida keine Bereitschaft, auf Nishimiya zuzugehen, geben die im Verlauf auch Mitschüler wie Ueno (Kaneko Yūki) mit der Zeit auf. Für eine kurze tägliche Übungseinheit in Gebärdensprache hat Ueno kein Verständnis. Zwar sei es für Nishimiya leichter, mit der Gebärdensprache zu kommunizieren, für sie selbst, so Ueno, ist es jedoch weniger kompliziert, in den Block der Mitschülerin zu schreiben. Zwar findet Nishimiya in der bereitwilligen Sahara (Ishikawa Yui) eine Freundin, die wechselt aber kurz darauf die Schule.


Als Ishida und Ueno einige von Nishimiyas Hörgeräten kaputt machen, schreitet schließlich die Schule ein. Ishida wird vor versammelter Klasse an den Pranger gestellt, verweist auf die anderen Schüler der Klasse und grenzt sich dadurch als diese seine Schuldzuweisung ablehnen, von ihnen ab. Fortan ist er es, der von der Klasse gemobbt wird, während seine Mutter das Ersparte von der Bank abhebt, um Nishimiyas Mutter die Hörgeräte zu ersetzen. Der Bully wird plötzlich selbst gemobbt – kein Widerspruch. So fand eine Tokioter Studie von 2013 heraus, dass von 9.000 befragten Schülern mit 46,9 Prozent fast die Hälfte angab, bereits sowohl Opfer von Mobbing als auch dessen Verursacher gewesen zu sein [5].

“You took it too far”, kriegt Ishida von einer Mitschülerin gesagt, als er einmal Nishimiya ein Hörgerät aus dem Ohr reißt und sie dabei verletzt. Er weist sicher zurecht darauf hin, dass die anderen auch nicht nett zu dem tauben Mädchen gewesen seien. Und hier liegt mit eines der Probleme von Schulmobbing in Japan. Dort spielt die Gruppenkultur eine wichtige Rolle [6]. “You have to fall in line with other people”, verriet die 17-jährige Nanae Munemasa in einem CNN-Artikel [7]. Wer sich nicht anpasse, werde ausgegrenzt oder gemobbt [8]. Aus dem Grund schauen die anderen Schüler nur wohlwollend zu, wenn ein Mitschüler gemobbt werde – um nicht selbst durch Aufbegehren zum nächsten Opfer zu geraten [9].

In Japan läuft Mobbing unter dem Wort “ijime”, etwa 80 Prozent solcher Vorfälle drehen sich darum, dass sich eine ganze Klasse gegen einen Einzelnen wende [10]. Die Gruppe sei das Problem, schildert der Lehrer Eryk Salvaggio, der in Japan unterrichtet hat [11]. Er selbst erlebte, wie ein Schüler aufgrund seiner Sprachweise lächerlich gemacht wurde. Als er seine japanische Kollegin fragte, warum sie dies nicht unterbinde, verwies die auf den Wunsch des Schülers. Er würde wütend werden “because the teacher is acknowledging that he is different” [12]. Kinder mit einer Behinderung sind angesichts des Konformitätsgedankens besonders für Mobbing gefährdet, da sie aus der Masse herausstechen.


Rund sechs von zehn Kindern mit Entwicklungsstörungen seien Opfer von ijime, fand ein Forscher schon im Jahr 1998 heraus [13]. Die Zahlen bestätigen jedoch, dass ijime generell in Japan zu Tage tritt, nicht nur bei den Schülern mit Behinderungen. Etwa zwei Drittel der Schüler waren im Jahr 2014 Opfer von Mobbing, wie das Bildungsministerium herausfand [14]. Yamada konzentriert ijime in A Silent Voice jedoch konkret auf den Fall von Nishimiya und später Ishida. Letzterer akzeptiert sein Stigma in gewisser Weise als soziale Bestrafung für sein Fehlverhalten. “I need to bear the sins and I need to be punished for it”, erklärt die Figur, während sie all das erleidet, was sie zuvor Nishimiya hat spüren lassen.

Die Figur vollzieht somit relativ früh in der Geschichte eine (erste) Katharsis, während der Film einige Jahre in die Zukunft springt. Inzwischen in der Oberstufe trifft Ishida erneut auf Nishimiya – und versucht sich mit ihr anzufreunden. Er hat seither Kurse in Gebärdensprache genommen, als hätte er geahnt (oder gehofft), erneut auf sein ehemaliges Opfer zu treffen. Seine Annäherungsversuche werden jedoch von Yuzuru (Yūki Aoi), Nishimiyas kleiner Schwester, die Ishida aufgrund ihrer Aufmachung zuerst für deren Freund hält, torpediert. Ehe Ishida seine gute Intention beweisen kann, indem er Nishimiya mit Sahara vereint und sich selbst mit dem unbeliebten Nagatsuka (Ono Kenshō) anfreundet.

Auch auf Ueno trifft Ishida zufällig, die sich jedoch weniger als er selbst geändert hat. Sie hat Nishimiya nie verziehen, dass deren Opferrolle jene Clique um sie, Ishida und einige andere in der 6. Klasse sprengte. “If only Nishimiya hadn’t shown up. We all would have been happy”, ist sie überzeugt. Ein Umstand, der auch Nishimiya selbst im Verlauf deutlich wird. Nicht nur, dass Ishida damals durch sein Mobbing ihr gegenüber seine Freunde verlor, sondern auch nun nicht bereit ist, diese wieder zu akzeptieren. Auch weil die sich im Gegensatz zu ihm nicht ihrem ijime-Fehlverhalten – ob passiver oder aktiver Natur – gestellt haben. Was bei Nishimiya schließlich alte Depressionen und Suizidgedanken erweckt.


Damit ist sie nicht alleine, zeigt A Silent Voice doch auch Ishida kurz vor dem Selbstmord, nachdem er jenes Geld verdient hat, dass seine Mutter einst sein Verhalten in der Schule gekostet hat. Mit ijime und Jugend-Suizid behandelt Yamada für einen oft unbeschwerten Anime zwei sehr ernste und sozial gewichtige Themen in der japanischen Kultur. Denn Japan weist eine der höchsten Selbstmordraten der Welt auf [15], die speziell bei Jugendlichen auftritt. So war im Jahr 2014 die Haupttodesursache der 10- bis 19-Jährigen in Japan die Selbsttötung [16]. Zwischen 1972 und 2013 nahmen sich 18.048 japanische Jugendliche das Leben [17] – umgerechnet sind das im Schnitt etwa 440 im Jahr.

Hauptursächlich für die Suizide ist dabei die Schule, sei es der Stress oder eben das Mobbing [18]. Entsprechend belegen die Zahlen, dass die meisten japanischen Schüler sich am 1. September des Jahres das Leben nehmen – dem ersten Schultag nach den Sommerferien [19]. In Japan hat Suizid dabei eine andere kulturelle Bedeutung als im Westen, ist weniger wie im Christentum eine Sünde, vielmehr ein Akt, um Verantwortung zu übernehmen [20]. Der Prozess der Depression ist in A Silent Voice schleichend, weder für Ishidas noch Nishimiyas Wunsch nach Selbsttötung streut Yamada großartig Anzeichen. Genauso wie der Film letztlich kein Suizid-Drama ist, sondern eines der Selbstakzeptanz.

Obschon Nishimiya und Ishida die Hauptfiguren sind, ist es Ueno, deren Emotionen Yamada vielleicht am besten Ausdruck verleiht. Einerseits aufgrund ihres Verhaltens fraglos am unsympathischsten gezeichnet, erscheint der Zugang gerade zu ihr am einfachsten, da sie ihrem Innenleben im Gegensatz zu den anderen Charakteren Ausdruck verleiht. Eingangs sehen wir, wie Ueno sich aufrichtig um Nishimiya bemüht, ehe sich ihr Verhalten ändert. “When something happened, you just apologized straight away”, wirft Ueno später Nishimiya vor. “That’s why I changed how I did things.” Anstatt eine Reaktion zu zeigen, so der Vorwurf der anderen, versteckte sich Nishimiya stets hinter ihrer Taubheit.


Ähnlich scheint auch der Frust seitens Ishida in der 6. Klasse begründet zu sein. “If you have a problem with this, say something”, fordert er Nishimiya einmal auf. Doch die lächelt nur sanft und entschuldigt sich. Ebenjener Impuls, sich stets zu entschuldigen, anstatt für sich einzutreten, war mitverantwortlich für Nishimiyas ijime. “People like you who only think in their heads”, ätzt Ueno. Und man kann die Figur irgendwo verstehen – und Nishimiya die Reaktion wohl auch. “I don’t hate you”, gesteht sie gegen Ende in einer emotionalen Szene Ueno. “I hate myself.” Was nicht heißt, dass sie deshalb selbst Schuld an ihrer Opferrolle hat – aber sie wohl durch ihr passives Verhalten in gewisser Weise mitgetragen hat.

Somit müssen sich alle Figuren mit ihrem Verhalten auseinandersetzen: Täter und Opfer, von Ishida über Nishimiya bis hin zu Sahara und anderen damaligen Mitschülern wie Kawai (Han Megumi). A Silent Voice ist dabei angesichts des Themas natürlich ein gerade im ersten Akt mitunter quälender und bedrückender Film. Aber zugleich auch ein berührender, optimistischer und unbeschwerter Vertreter seines Genres. Bevölkert mit solch liebevollen Figuren wie der aufopferungsvollen Yuzuru oder Ishidas gutmütiger Mutter und jeder Menge Platz für humorvolle Momente trotz der depressiven Themen und Erlebnisse, die die Charaktere im Laufe der zweistündigen Geschichte durchmachen müssen.

Mit rund 130 Minuten läuft A Silent Voice jedoch etwas lang, dabei umfasst Yamadas Adaption nicht einmal die gesamte Serie von Ōimas Manga. Gerade im Übergang vom zweiten zum dritten Akt schleichen sich leichte Längen ein, sodass eine um 20 Minuten kürzere Laufzeit dem Film sicher zum Vorteil gereicht wäre. Dennoch unterhält Yamada sehr gut, balanciert geschickt die Stimmungen und Töne und schafft es, gewichtigen Themen eine Stimme zu verleihen. Selbst wenn der Film nicht wirklich erörtert, woraus zumindest Ishidas Ausgangsmobbing resultiert. “Can we be friends?” ist eine Frage, die in A Silent Voice öfters gestellt wird. Am Ende des Films bleib nur die Gegenfrage: Wie könnte man nicht?


Quellenangaben:

[1] vgl. o.A.: Mobbing – ein großes Problem an deutschen Schulen, in: Tagesschau.de, 19.04.2017, https://www.tagesschau.de/inland/pisa-studie-109.html.
[2] vgl. Liebsch, Marika: Mobbing in der Schule, in: Planet Wissen, 31.01.2017, http://www.planet-wissen.de/gesellschaft/kommunikation/konflikte/pwiemobbinginderschule100.html.
[3] ebd.
[4] vgl. Harter, Judith: Gehörlose können nicht sprechen, in: Gehörlosblog, 01.01.2012, http://www.gehoerlosblog.de/gehorlose-konnen-nicht-sprechen.
[5] vgl. o.A.: Bullying in Japan, in: NoBullying.com, 30.06.2016, https://nobullying.com/bullying-in-japan-2/.
[6] vgl. o.A.: Child suicide in Japan: the leading cause of death in children, in: Humanium. Together for Children’s Rights, 27.02.2017, http://www.humanium.org/en/child-suicide-in-japan-the-leading-cause-of-death-in-children/.
[7] vgl. Wright, Rebecca: Japan's worst day for teen suicides, in: CNN, 01.09.2015, http://edition.cnn.com/2015/09/01/asia/japan-teen-suicides/.
[8] ebd.
[9] vgl. o.A.: Child suicide in Japan: the leading cause of death in children, Internet.
[10] vgl. Salvaggio, Eryk: On Being Bullied in Japan, in: This Japanese Life, 12.6.2013, https://thisjapaneselife.org/2013/06/12/japan-ijime-bullies/.
[11] ebd.
[12] ebd.
[13] vgl. Mithout, Anne-Lise: Children with disabilities in the Japanese school system: a path toward social integration?, in: Waldenberger, Franz (Hrg.): Contemporary Japan. Journal of the German Institute for Japanese Studies Tokyo, 2016, S. 165-184, hier S. 176f.
[14] vgl. o.A.: Bullying in Japan, Internet.
[15] “Japan’s overall suicide rate is roughly 60 percent higher than the global average, a 2014 World Health Organization report noted”, vgl. Lu, Stephanie: The mystery behind Japan’s high suicide rates amongst kids, in: The Wilson Quarterly, 22.10.2015, https://wilsonquarterly.com/stories/the-mystery-behind-japans-high-suicide-rates-among-kids/.
[16] vgl. Oi, Mariko: Tackling the deadliest day for Japanese teenagers, in: BBC News, 31.08.2015, http://www.bbc.com/news/world-asia-34105044.
[17] vgl. Wright, Internet.
[18] vgl. o.A.: Bullying in Japan, Internet.
[19] vgl. Wright, Internet.
[20] vgl. o.A.: Bullying in Japan, Internet.


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