One of a kind


“Happiness in marriage is entirely a matter of chance”, legte Jane Austen im sechsten Kapitel ihres Romans Pride and Prejudice ihrer Figur Charlotte Lucas in den Mund. Worte, die vielen türkischen verheirateten jungen Frauen sicher wenig Trost schenken, sind laut einer Forschungsstudie doch 82 Prozent von ihnen des Lesens gar nicht mächtig [1]. Was nicht einmal so wenig sind. Geht es um Kinderehen, ist die Türkei in Europa vorne mit dabei: 14 Prozent der Mädchen, also etwa jede siebte junge Türkin, wird verheiratet bevor sie 18 Jahre alt ist [2]. Jede dritte Ehe in der Türkei wird mit minderjährigen Mädchen geschlossen [3], geschätzt machen sie über 180.000 Bräute aus [4]. Ein Thema, dem sich auch die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven in ihrem Regie-Debüt Mustang gewidmet hat.

Das berichtet von fünf Schwestern, die nach dem Tod ihrer Eltern im Haus ihres Onkels Erol (Ayberk Pekcan) und ihrer Großmutter (Nihal Koldaş) aufwachsen. Das Wetter wird ihnen eines Tages zum Verhängnis, als sie aufgrund der Hitze beschließen, nach der Schule am Strand heimzulaufen statt den Bus zu nehmen. In Begleitung einer Gruppe Jungen tollen sie anschließend im Meer herum. “One moment we were fine, then everything turned to shit”, verrät uns eine von ihnen. Eine Nachbarin hat die Mädchen beobachtet und an die Großmutter verpetzt. Das ganze Dorf zerreiße sich das Maul ob des pervertierten Verhaltens der Mädchen. Diese werden von Erol schließlich unter Hausarrest gestellt und nach weiteren Fehltritten das Anwesen letztlich vergittert und zum Gefängnis umgewandelt.


“Everyone’s talking about your obscene behavior”, wirft die Großmutter ihren Enkelinnen vor. Die verstehen all den Aufruhr nicht, haben aber die Rechnung nicht mit dem traditionell-patriarchalischen Gedankengut der türkischen Gesellschaft gemacht [5]. Fortan müssen sich die Schwestern züchtiger kleiden und das Einmaleins des Kochens lernen. “The house became a wife factory”, greift da eines der Mädchen Ende des ersten Akts etwas Voraus. Im Zuge der Erziehung wird zugleich die Schulbildung auf Eis gelegt, was Gang und Gebe ist, wenn es um minderjährige Ehen in der Türkei geht [6]. Primär auf sich allein gestellt, suchen die Mädchen um die Jüngste, Lale (Güneş Şensoy), jede Gelegenheit, um zumindest zeitweise aus dem „Gefängnis“ ihres Onkels ausbrechen zu können.

Beispielsweise als wegen Fan-Ausschreitungen ein Fußballspiel nur für weibliche Besucher zugelassen wird. Eine sinnbildliche Szene für die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern, das eine aggressiv und rückständig, das andere jovial und friedliebend. Am ehesten und idealsten, zumindest in den Augen von Onkel und Großmutter, können die Mädchen dem „Gefängnis“ entgehen, indem sie sich dem patriarchalischen Bild fügen. Vielleicht einerseits wegen des bereits schon vorbelasteten Rufs – in einer Szene werden die ältesten Mädchen im Krankenhaus auf ihre Jungfräulichkeit untersucht –, aber auch, um weniger Mäuler zu stopfen, strebt Erol an, die Älteste, Sonay (İlayda Akdoğan) zu vermählen. Letzteres ist in Sachen Kinderehen kein unüblicher Beweggrund [7].


Laut der türkischen Soziologin Yıldız Ecevit sei eine unverheiratete Tochter im heiratsfähigen Alter für deren Eltern auch “a failure when they face society” [8]. So stellten im Jahr 2012 rund 200.000 Eltern einen Antrag, um ihre unter 16 Jahre alten Töchter zu verheiraten [9]. Die Interessen der Familie beziehungsweise des Vaters stehen dabei über denen der Töchter und Frauen. “Women aren’t viewed to be valuable in society”, resümiert Ecevit [10]. Entsprechend seien laut der Soziologin gerade in Zentralanatolien Eheschließungen mit Minderjährigen keine Seltenheit [11]. Eher Glück im Unglück hat Sonay in Ergüvens Mustang da, dass sie bereits in einen Jungen aus ihrer Schule verliebt ist. “One of a kind”, hatte die Oma sie zuvor noch einer interessierten Familie feilgeboten. Und muss nun umdenken.

Während Sonay also ihren Liebsten heiraten darf, wird die zweitälteste Tochter Selma (Tugba Sunguroglu) zur zweiten Ware. “One of kind”, verspricht die Oma erneut und während sowohl Selma als auch ihr designierter Angetrauter verloren in den Raum blicken, schwärmen die beiden Familien davon, wie interessiert die Kinder aneinander seien. Deren Wünsche, insofern sie sich nicht weitestgehend wie im Fall von Sonay mit denen der Erzieher decken, stehen hinter den Interessen der Erwachsenen zurück. Auch sie selbst sei einst verheiratet worden, so die Großmutter, und habe lernen müssen, ihren Ehemann zu lieben. Kontrastiert wird diese Vorfreude, wenn Sonay auf ihrer Hochzeit glücklich ist, während Selma derweil die Tische nach Alkoholresten in Gläsern abgrast.


Das Spiel geht anschließend mit der Drittältesten, Ece (Elit Iscan), weiter. Zuerst zwar gefügig, reagiert sie mit der Zeit immer subversiver – allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg. Wenn schon keine Schulbildung, so lernt Lale doch aus den Erfahrungen ihrer drei ältesten Schwestern quasi in der Schule des Lebens. Und beschließt für sich und die Viertälteste, Nur (Doğa Doğuşlu), eine Kurskorrektur, während Nurs Hochzeitsvorbereitungen bereits laufen. Insofern ist Lale, obschon die jüngste Figur in der Geschichte von Ergüven und ihrer Drehbuchpartnerin Alice Winocour – oder gerade deswegen? –, doch diejenige, die am meisten im Verlauf von Mustang wachsen kann. Die noch zu jung ist, sich der Tradition zu fügen und sich vehement an ihre Emanzipation klammert.

Lale ist es auch, die eingangs den Abschied einer Lehrerin am meisten bedauert. Wohl auch, weil diese als gebildete und arbeitstätige Frau vielleicht das einzige Rollenvorbild für das Mädchen darstellt. “An increase in women’s employment will decrease the tendency to marry early especially in poor families”, ist die Soziologin Yıldız Ecevit überzeugt [12]. Wirkliche Unterstützung in ihrem Wunsch nach Selbstständigkeit erfährt Lale im Verlauf nur noch von dem nachgiebigen, passender Weise homosexuellen, Kraftfahrer Yasin (Burak Yigit). Sie ist es, die noch Hoffnung verspürt und versprüht, wo Nur bereits aufgegeben zu haben scheint. Insofern ist sie – mit Abstrichen auch Sonay, die das beste aus ihrer Lage macht, und in gewissem Sinne Ece – die einzige Schwester, die pro-aktiv agiert.


Wenn Kathrin Horster von Protagonistinnen spricht, die „niemals zu passiven, bemitleidenswerten Opfern stilisiert“ werden [13], ist das jedoch nur bedingt richtig. Bis auf Lale agieren auch die anderen primär passiv, speziell Selma bleibt dabei in ihrer Situation ein bemitleidenswertes Opfer. Und auch wenn Horster findet, Mustang falle nicht in „die Schublade Problemkino“ [14], so nimmt der Film in seiner zweiten Hälfte doch einen weitestgehend klaren Verlauf entsprechend der Stereotype. Wo Erol und seine Mutter zumindest im ersten Akt noch etwas Motivation für ihr Handeln erhalten, geraten sie in der zweiten Hälfte zuvorderst zu eindimensionalen Gegenspielern. Taucht die Großmutter irgendwann ganz ab, führt Ergüven später sogar noch eine Inzest- und Missbrauchsthematik ein.

Schändlich, aggressiv und französisch sei der Film laut der in Frankreich lebenden Regisseurin nach einer Kritik der türkischen Zeitung Zaman [15]. Und zugegebenermaßen streift Mustang sein Thema lediglich, anstatt sich – wie es wohl ein wirklich französischer Film, man denke an Asghar Farhadis Le passé, tun würde – näher mit diesem zu beschäftigen. Speziell Ece und Nur bleiben als Personen Randerscheinungen, das Eheleben von Sonay und Selma wird jenseits ihrer Vermählung nicht mehr eingehender angerissen oder gegenübergestellt. David Parkinson hat somit nicht ganz Unrecht, wenn er meint, Ergüvens Film “seeks to alert Western arthouse audiences to the issue by arousing liberal ire rather than exploring the socio-cultural issues in any great depth” [16].


Offen bleibt dabei beispielsweise auch die Frage, wieso Erol unverheiratet ist. Nicht unwahrscheinlich, dass sich das Dorf nicht minder das Maul darüber zerreißen würde, warum ein angesehener Mann wie er keine Frau findet. Und obschon die Großmutter eingangs noch mit biografischen Details aufwartet, verblasst sie im Verlauf immer mehr. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Minderjährigen-Ehen und der Rolle von Frauen und Mädchen in der Türkei scheint Ergüven nicht zu suchen. Zwar dient die Problematik durchaus als sinnige und tragfähige Basis für die Geschichte, über das Fundament geht sie allerdings nicht hinaus. Ein Makel, der einen ansonsten exzellent von Laien gespielten und schön fotografierten nur zu einem sehr guten statt herausragenden Film macht.

Deniz Gamze Ergüven wollte mit ihrem Film „dieses permanente Sexualisieren von Allem anprangern“ [17] – das ist ihr durchaus gelungen. Das Schicksal der fünf Schwestern, durch eine relative Nichtigkeit verändert, ist zum einen bedrückend, aber durch die warme und aus der Beziehung der Schwestern einhergehende optimistische Inszenierung nicht zu depressiv. Der Regisseurin gelingt, die angesprochene fehlende Tiefe außen vor, somit in ihrem Debüt eine überzeugende Mischung aus Coming of Age und Gesellschaftskritik zugleich. Aller Tragik zum Trotz kann Mustang dabei nur auf einer positiven Note enden, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für minderjährige türkische Mädchen. Damit Glückseligkeit in der Ehe nichts sein muss, was durch den Zufall bestimmt wird.


Quellenangaben:

[1] vgl. o.A.: One in Three a Child Marriage in Turkey, in: NSNBC International, 14.10.2013, http://nsnbc.me/2013/10/14/one-three-child-marriage-turkey/.
[2] vgl. o.A.: Child marriages around the world: Turkey, in: Girls Not Brides, o.J., http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/turkey/.
[3] vgl. o.A.: Türkei: Ein Drittel aller Ehen sind Kinderehen, in Europe News, 14.12.2015, https://de.europenews.dk/Tuerkei-Ein-Drittel-aller-Ehen-sind-Kinderehen-124109.html.
[4] Genauer: 181.036, s. ebd.
[5] ebd.
[6] 97,4 Prozent aller Schüler, die ihre Ausbildung nicht fortsetzten, weil sie heiraten, sind weiblich, s. ebd.
[7] vgl. o.A.: Reasons behind early and forced marriages, in: Early and forced marriage in Turkey, 2012, http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2012/12/Flying-Broom-Flying-News-publication-on-Early-and-Forced-Marriage.pdf, S. 26.
[8] Doğan, Selen: “This is basically a problem of women’s independence”, in: Early and forced marriage in Turkey, 2012, http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2012/12/Flying-Broom-Flying-News-publication-on-Early-and-Forced-Marriage.pdf, S. 21-25, hier S. 21.
[9] vgl. Europe News.
[10] vgl. Doğan, S. 21.
[11] ebd., S. 23.
[12] ebd., S. 22.
[13] vgl. Horster, Kathrin: Frecher Widerspruch, in: Stuttgarter Zeitung, 25.2.2016, http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.oscar-reifer-film-aus-der-tuerkei-mustang-frecher-widerspruch.6fa295df-90ee-4ced-9870-7271a2f605d4.html.
[14] ebd.
[15] vgl. Taszman, Jörg: "Mustang" – starkes Debüt von Deniz Gamze Ergüven, in: Deutschlandradio Kultur, 22.2.2016, http://www.deutschlandradiokultur.de/mustang-starkes-debuet-von-deniz-gamze-ergueven-die-oscar.1013.de.html?dram:article_id=346439.
[16] vgl. Parkinson, David: Mustang review, in: Empire, 13.5.2016, http://www.empireonline.com/movies/mustang/review/.
[17] vgl. Demmerle, Denis: Ergüven: „Die politische Rhetorik hat sich seit 2013 deutlich radikalisiert“, in: Berliner Filmfestivals, 28.2.2016, http://berliner-filmfestivals.de/2016/02/interview-mit-regisseurin-deniz-gamze-ergueven-zu-mustang.

Szenenbilder “Mustang” © Weltkino Filmverleih. Alle Rechte vorbehalten.

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