A Simple Life


Man musste nicht Kassandra sein, um zu ahnen, wie der Tenor nach Terrence Malicks jüngstem Meisterwerk Song to Song ausfallen würde. Der Texaner sei “in broken-record mode”, so Peter Debruge [1]. “We’ve heard it all before.” [2] Dasselbe lässt sich jedoch inzwischen auch über die Kritik an Malicks Schaffen sagen. Von den Witzeleien über die geflüsterten Voice-over der Figuren, die an Parfüm-Werbung erinnernde Kameraarbeit und das Frohlocken in den Feldern [3]. Auch für Thomas Abeltshauser werden „die über die Bilder gehauchten Selbsterfahrungsergüsse zunehmend lächerlich und erweisen sich als First-World-Problemchen“ [4]. Wer dachte, der Auteur konnte das Feuilleton nicht noch mehr spalten als mit seinem letzten Film Knight of Cups, wird eines Besseren belehrt.

Entsprechend fällt das Urteil bei solchen Übersichtsseiten wie Rotten Tomatoes aus. Hier stellt Song to Song mit einer Bewertung von derzeit 45 Prozent den Tiefpunkt von Malicks Filmografie dar – wenn auch nur knapp hinter Knight of Cups und To the Wonder mit 46 Prozent [5]. Folglich liegen Resümees wie die von Peter Travers nahe, der Malick bescheinigt, er setze “his WTF losing streak with this rambling, incoherent love-triangle story” fort [6]. Selbst seine Fans scheint Malick mit Song to Song vor den Kopf zu stoßen, dieser sei “disjointed even by the standards of a Malick film”, wie Matt Zoller Seitz findet [7]. Auch er kritisiert die scheinst verstärkte Repetition in des Regisseurs neuestem Werk, “the central love triangle and other elements are all rehashed from recent Malick films” [8].

Was natürlich nur bedingt zutrifft. So beinhaltet The New World mit Abstrichen – aber nicht wirklich – eine Dreiecksbeziehung, ähnlich wie dies in To the Wonder der Fall ist. Eine buchstäbliche solche inszeniert Malick aber nur in Song to Song und damit erstmals seit Days of Heaven. “Much of his recent output has felt irritating”, räumt Danny Leigh jedoch ein, “his reputation further battered with each film.” [9] Fans des Regisseurs ist bewusst, dass er “one of the most parody-ready filmmakers working right now” ist [10]. Schon die amerikanische Kosmetikunternehmerin Elizabeth Arden wusste: “Repetition makes reputation.” Und seinen Ruf hat sich Malick inzwischen verdient, weshalb die sich wiederholende Kritik an seiner Wiederholung Mal um Mal ermüdender ausfällt.


Der Regisseur erzähle keine Geschichte, reihe lediglich Parfümbilder aneinander, ist eine dieser wiederkehrenden Vorurteile jener Zuschauer, die nicht im Stande sind, aus den gezeigten Bildern die Handlung zu interpretieren. So erzählt Song to Song eine für malicksche Verhältnisse enorm komplexe Geschichte über seine zuletzt ausgiebig vertieften Themen von Liebe, Einsamkeit und Sinnsuche. Im Fokus steht die junge Musikerin Faye (Rooney Mara), die sich nebst anderen Beschäftigungen als Housesitterin verdingt, während sie von einem Durchbruch in der Musikbranche träumt. Den verspricht sie sich von Musikproduzent Cook (Michael Fassbender), ein wahrer Lebemann, der selbst wiederum sein Auge auf den Country-Musiker BV (Ryan Gosling) als künftigen Protegé geworfen hat.

Bei einer von Cooks Partys lernen sich Faye und BV kennen – und beginnen eine zarte Romanze miteinander. Dies allerdings, während Faye weiterhin ihre sexuelle Beziehung mit Cook aufrecht erhält. Der erkennt jedoch in zunehmender Anwesenheit des jungen Paares, dass dessen Gefühle füreinander ihn in den Schatten stellen. “They have a beauty in their life, it makes me ugly”, sagt Cook – und sucht anschließend selbst nach jener Liebe, die Faye für ihn nicht bereithält. Seine Avancen werden schließlich von der gescheiterten Kindergartenlehrerin und jetzigen Kellnerin Rhonda (Natalie Portman) erhört. Bereitwillig akzeptiert sie Cooks Aufmerksamkeit und finanzielle Sicherheit, von der auch ihre Mutter (Holly Hunter) profitiert. Nur hat all dies scheinbare Glück auch einen gewissen Preis.

Faye scheint dabei Hin- und Hergerissen zwischen der materiellen Sicherheit, die ihr Cook bietet und der emotionalen, die sie bei BV findet. Sie ähnelt damit in gewisser Weise Ben Afflecks Figur Neil aus To the Wonder, der sich ebenfalls zwischen zwei Personen sah, aber mit keiner von ihnen wirklich glücklich wurde. Zugleich ist Faye eine von vielen malickschen Charakteren, auf der Suche nach sich selbst und ihrer Bestimmung. Sie treibt eine gewisse Leere an, die sie sich vermutlich selbst nicht ganz erklären kann, die sie aber versucht, durch Sex zu füllen. Aber “sex without love inevitably proves to be a crucial false promise, a temptation that leads to suffering” [11]. Etwas, das Rhonda später sehr viel deutlicher erfährt als Faye, als sie sich in Cooks sexuellen Extravaganzen verliert.


Auch Cook füllt die Leere in sich mit Sex, mit Partys, mit materiellen Ergüssen. In einer Szene zeigt er Faye sein neues Anwesen. Nur wenige Woche wohnt er in diesem – und gibt sich bereits von ihm gelangweilt. Für Faye mögen Cook und BV nicht nur zwei unterschiedliche sexuelle Partner darstellen, sondern auch zwei verschiedene Lebensentwürfe. BV ist ein Idealist, der zwar gewillt ist, mit Cook einen Plattenvertrag abzuschließen, aber nur unter bestimmten Bedingungen, die seine Integrität gegenüber seiner Musik und sich bewahren. Und wie so viele malicksche Männer-Figuren hat auch BV ein zerrüttetes Verhältnis zu seinem Vater, ähnlich dem von Jack in The Tree of Life oder Rick in Knight of Cups. Und wie diese vor ihm lernt auch BV letztendlich, seinem Vater zu vergeben.

Was alle Figuren eint, ist ihr Gefühl der Verloren- und Orientierungslosigkeit. Keine von ihnen weiß wirklich, was die Bestimmung ihres Lebens ist. Harmonie finden Faye, BV und Cook kurzzeitig in ihrer gemeinsamen Gesellschaft, in Cooks Privatflieger oder während eines Kurztrips nach Mexiko. Langfristig ist dies jedoch kein Modell für fortwährendes Glück. Und so triften die Figuren im zweiten Akt des Film schließlich auch auseinander. Cook zu Rhonda, in der Hoffnung, die Gefühle zwischen Faye und BV auf diese Beziehung zu übertragen. Faye wiederum lässt sich auf die reifere Französin Zoey (Bérénice Marlohe) ein, die jedoch bald darauf von der Unschlüssigkeit des jungen Mädchens gelangweilt wirkt. Ähnlich gelangweilt wirkt auch Amanda (Cate Blanchett), eine kurze Affäre von BV.

Somit bestätigt Malick mit Song to Song erneut, dass er „zu den letzten großen Sinn-Suchern des Weltkinos gehört“ [12]. Das große Wieso und Warum ist schon länger Bestandteil seiner Arbeit, durchzieht gerade seine jüngeren Werke. Auch hier, wie in Knight of Cups, scheinen die zentralen Figuren erst zur Ruhe zu kommen, als sie von ihrer Rastlosigkeit zu lassen lernen. “You will never be happy if you continue to search for what happiness consists of”, sagte der französische Philosoph Albert Camus. “You will never live if you are looking for the meaning of life.” Ähnlich formulierte es auch John Hughes (“Life moves pretty fast [...] You might miss it”) in Ferris Bueller’s Day Off, genauso wie John Lennon (“Life is what happens to you while you're busy making other plans”) in “Beautiful Boy”.


Dies alles erzählt Malick wie immer in den elegischen Bildern von Kameramann Emmanuel Lubezki, weniger durch das – ebenfalls wie immer – nicht vorhandene Drehbuch. Vielmehr besteht die nicht chronologisch präsentierte Handlung aus narrativen Fragmenten, welche vom Zuschauer erfordern “to go with the flow as you also puzzle together the story’s parts, themes and circling characters” [13]. Das Ergebnis ist in Song to Song weitaus kohärenter als in Malicks vergangenen Arbeiten, “the film has a rich, complex, thoroughly imagined plot of a novelistiv amplitude”, meint Richard Brody [14]. Und sieht zugleich weniger die Handlung im Vordergrund als die künstlerische Arbeitsweise des texanischen Regisseurs [15], der schon längst – oder: immer? – nicht “commercial cinema’s rules” folgt [16].

Die Misé-en-scene des Regisseurs ist der Star seiner Filme – und zieht selbst jede Menge Stars an. Viele von ihnen tauchen nicht einmal im fertigen Produkt auf, dass sich aufgrund seines fehlenden Drehbuchs stets erst Jahre nach Drehschluss in den Händen mehrerer Cutter findet [17]. Die Tatsache, dass die Schauspieler kein Drehbuch haben, gibt ihnen viele Freiräume, die jedoch auch genutzt werden müssen. Manohla Dargis sieht in Malicks Inszenierungsstil mit seiner losen und primär durch Bildfragmente präsentierten Narration eine enorme Bürde für das Ensemble. Die Darsteller “need to build their characters primarily through individual voice-overs and in onscreen silence or near-silence, in gestures and movement” [18]. Das kann gut, aber auch bei manchem in die Hose gehen.

“What actors do when they aren’t sure what they’re supposed to do”, beschreibt es Matt Zoller Seitz zynisch [19]. Das Ergebnis ist in Song to Song durchwachsen, gerade Michael Fassbender tut sich schwer, ist aber womöglich auch prinzipiell fehlbesetzt. Derweil gelingt es Rooney Mara und Ryan Gosling durchaus bisweilen, durch Blicke und Bewegungen einen Zugang ins klassische malicksche Spiel zu finden. Natalie Portman und Cate Blanchett sind da durch ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur im Vorgänger Knight of Cups schon etwas erprobter. Weitaus harmonischer wirken da beinahe die zahlreichen Musiker-Cameos, von Iggy Pop über Lykke Li bis hin zu den Red Hot Chili Peppers und Patti Smith. Gerade Letztere nimmt dabei innerhalb des Films eine Mentorinnen-Rolle für Faye ein.


Insgesamt schließt Song to Song sowohl thematisch als auch technisch eine Trilogie mit To the Wonder und Knight of Cups ab. “A trilogy of contemporary soul-searching (…) in visual and narrative fragmentation to startling, sometimes perplexing extremes”, wie es Justin Chang beschreibt [20]. Gut möglich – wenn auch nicht gesichert – ist es also, dass Malicks kommender Film Radegund wieder „gewöhnlicher“ daherkommt, als die vergangenen drei Filme des Texaners. Und selbst wenn nicht, wäre es kein Beinbruch. Der Amerikaner “catches life at its most dynamic and its most unstable” [21] wie vielleicht kein zweiter Regisseur heutzutage. Als “one of cinema’s philosopher kings” [22], der mit Song to Song seine jüngste “cinematic symphony” [23] auf die Kino-Banausen losgelassen hat.

Klar sollte inzwischen sein, dass wer mit der künstlerischen Art und Weise, wie Terrence Malick Filme dreht, nicht glücklich ist, dies wohl auch nicht mehr wird [24]. “Beauty and redundancy have become the defining hallmarks of Malick’s filmmaking”, resümiert Chang [25]. “And as long as cinema endures, so will the debate over whether his work deserves our celebration or ridicule.” [26] Malick versteht dabei durchaus, durch Setting-Wechsel seiner „Masche“ etwas neues abzugewinnen. Generell ist die Repetition des Auteurs keineswegs zu verurteilen, vielmehr erfrischend angesichts des Einheitsbreis, den das Kino sonst bereithält. Und schließlich wusste bereits Aristoteles: „Wir sind, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“



Quellenangaben:

[1] vgl. Debruge, Peter: SXSW Film Review: ‘Song to Song’, in: Variety, 10.3.2017, http://variety.com/2017/film/reviews/song-to-song-review-terrence-malick-1202006184/.
[2] ebd.
[3] vgl. Zoller Seitz, Matt: Song to Song, in: RogertEbert.com, 17.3.2017, http://www.rogerebert.com/reviews/song-to-song-2017.
[4] vgl. Abeltshauser, Thomas: Kritik zu Song to Song, in: epd Film, 21.4.2017, http://www.epd-film.de/filmkritiken/song-song.
[5] s. https://www.rottentomatoes.com/celebrity/terrence_malick.
[6] vgl. Travers, Peter: 'Song to Song' Review: Terrence Malick's Austin-Music Movie Is One Texas Turkey, in: Rolling Stone, 15.3.2017, http://www.rollingstone.com/movies/reviews/peter-travers-song-to-song-movie-review-w471947.
[7] vgl. Zoller Seitz, Internet.
[8] ebd.
[9] vgl. Leigh, Danny: Is Terrence Malick ahead of his time or out of date?, in: The Guardian, 9.3.2017, https://www.theguardian.com/film/2017/mar/09/is-terrence-malick-ahead-of-his-time-or-out-of-date.
[10] Hooton, Christopher: Terrence Malick's Song to Song film review: A masterpiece, life-changing and other superlatives I stand by, in: Independent, 11.3.2017, http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/films/reviews/terrence-malick-song-to-song-review-2017-ryan-gosling-rooney-mara-michael-fassbender-natalie-portman-a7624316.html.
[11] vgl. Dargis, Manohla: Review ‘Song to Song‘. Terrence Malick’s latest, beautiful puzzle, in: The New York Times, 16.3.2017, https://www.nytimes.com/2017/03/16/movies/song-to-song-review-terrence-malick.html.
[12] vgl. o.A.: „Song to Song“ von Terrence Malick. Gosling, Portman & Co. – Star-Aufgebot zieht durch Austin, in: NWZ Online, 19.5.2017, https://www.nwzonline.de/kultur/gosling-portman-co-star-aufgebot-zieht-durch-austin_a_31,3,12215089.html.
[13] vgl. Dargis, Internet.
[14] vgl. Brody, Richard: “Song to Song”: Terrence Malick’s Romantic Idealism, in: The New Yorker, 16.3.2017, http://www.newyorker.com/culture/richard-brody/song-to-song-terrence-malicks-romantic-idealism.
[15] ebd.: “Malick makes art – his art – the subject of the film.”
[16] vgl. Zoller Seitz, Internet.
[17] So fielen in Song to Song neben Christian Bale auch Benicio del Toro und Haley Bennett nebst anderen der Schere zum Opfer, vgl. Donnelly, Matt: Christian Bale, Benicio del Toro, Haley Bennett All Cut From Terrence Malick’s ‘Song to Song’ at SXSW, in: The Wrap, 10.3.2017, http://www.thewrap.com/christian-bale-benicio-del-toro-haley-bennett-cut-terrence-malicks-song-song-sxsw/.
[18] vgl. Dargis, Internet.
[19] vgl. Zoller Seitz, Internet.
[20] vgl. Chang, Justin: Terrence Malick's 'Song to Song' finds beauty, frustration and hope in the Austin music scene, in: Los Angeles Times, 16.3.2017, http://www.latimes.com/entertainment/movies/la-et-mn-song-to-song-review-20170316-story.html.
[21] vgl. Brody, Internet.
[22] vgl. Dargis, Internet.
[23] vgl. Chang, Internet.
[24] Oder erst, wie so viele Künstler, nach seiner Zeit gewürdigt wird, wie Danny Leigh in den Raum wirft: “It may well be that he is now working so far ahead of the curve that we will only realize how great his later films were shortly before we all die”, vgl. Leigh, Internet.
[25] vgl. Chang, Internet.

[26] ebd.


Szenenbilder “Song to Song” © Studio Canal Filmverleih. Alle Rechte vorbehalten.

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