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A Simple Life


Man musste nicht Kassandra sein, um zu ahnen, wie der Tenor nach Terrence Malicks jüngstem Meisterwerk Song to Song ausfallen würde. Der Texaner sei “in broken-record mode”, so Peter Debruge [1]. “We’ve heard it all before.” [2] Dasselbe lässt sich jedoch inzwischen auch über die Kritik an Malicks Schaffen sagen. Von den Witzeleien über die geflüsterten Voice-over der Figuren, die an Parfüm-Werbung erinnernde Kameraarbeit und das Frohlocken in den Feldern [3]. Auch für Thomas Abeltshauser werden „die über die Bilder gehauchten Selbsterfahrungsergüsse zunehmend lächerlich und erweisen sich als First-World-Problemchen“ [4]. Wer dachte, der Auteur konnte das Feuilleton nicht noch mehr spalten als mit seinem letzten Film Knight of Cups, wird eines Besseren belehrt.

Entsprechend fällt das Urteil bei solchen Übersichtsseiten wie Rotten Tomatoes aus. Hier stellt Song to Song mit einer Bewertung von derzeit 45 Prozent den Tiefpunkt von Malicks Filmografie dar – wenn auch nur knapp hinter Knight of Cups und To the Wonder mit 46 Prozent [5]. Folglich liegen Resümees wie die von Peter Travers nahe, der Malick bescheinigt, er setze “his WTF losing streak with this rambling, incoherent love-triangle story” fort [6]. Selbst seine Fans scheint Malick mit Song to Song vor den Kopf zu stoßen, dieser sei “disjointed even by the standards of a Malick film”, wie Matt Zoller Seitz findet [7]. Auch er kritisiert die scheinst verstärkte Repetition in des Regisseurs neuestem Werk, “the central love triangle and other elements are all rehashed from recent Malick films” [8].

Was natürlich nur bedingt zutrifft. So beinhaltet The New World mit Abstrichen – aber nicht wirklich – eine Dreiecksbeziehung, ähnlich wie dies in To the Wonder der Fall ist. Eine buchstäbliche solche inszeniert Malick aber nur in Song to Song und damit erstmals seit Days of Heaven. “Much of his recent output has felt irritating”, räumt Danny Leigh jedoch ein, “his reputation further battered with each film.” [9] Fans des Regisseurs ist bewusst, dass er “one of the most parody-ready filmmakers working right now” ist [10]. Schon die amerikanische Kosmetikunternehmerin Elizabeth Arden wusste: “Repetition makes reputation.” Und seinen Ruf hat sich Malick inzwischen verdient, weshalb die sich wiederholende Kritik an seiner Wiederholung Mal um Mal ermüdender ausfällt.


Der Regisseur erzähle keine Geschichte, reihe lediglich Parfümbilder aneinander, ist eine dieser wiederkehrenden Vorurteile jener Zuschauer, die nicht im Stande sind, aus den gezeigten Bildern die Handlung zu interpretieren. So erzählt Song to Song eine für malicksche Verhältnisse enorm komplexe Geschichte über seine zuletzt ausgiebig vertieften Themen von Liebe, Einsamkeit und Sinnsuche. Im Fokus steht die junge Musikerin Faye (Rooney Mara), die sich nebst anderen Beschäftigungen als Housesitterin verdingt, während sie von einem Durchbruch in der Musikbranche träumt. Den verspricht sie sich von Musikproduzent Cook (Michael Fassbender), ein wahrer Lebemann, der selbst wiederum sein Auge auf den Country-Musiker BV (Ryan Gosling) als künftigen Protegé geworfen hat.

Bei einer von Cooks Partys lernen sich Faye und BV kennen – und beginnen eine zarte Romanze miteinander. Dies allerdings, während Faye weiterhin ihre sexuelle Beziehung mit Cook aufrecht erhält. Der erkennt jedoch in zunehmender Anwesenheit des jungen Paares, dass dessen Gefühle füreinander ihn in den Schatten stellen. “They have a beauty in their life, it makes me ugly”, sagt Cook – und sucht anschließend selbst nach jener Liebe, die Faye für ihn nicht bereithält. Seine Avancen werden schließlich von der gescheiterten Kindergartenlehrerin und jetzigen Kellnerin Rhonda (Natalie Portman) erhört. Bereitwillig akzeptiert sie Cooks Aufmerksamkeit und finanzielle Sicherheit, von der auch ihre Mutter (Holly Hunter) profitiert. Nur hat all dies scheinbare Glück auch einen gewissen Preis.

Faye scheint dabei Hin- und Hergerissen zwischen der materiellen Sicherheit, die ihr Cook bietet und der emotionalen, die sie bei BV findet. Sie ähnelt damit in gewisser Weise Ben Afflecks Figur Neil aus To the Wonder, der sich ebenfalls zwischen zwei Personen sah, aber mit keiner von ihnen wirklich glücklich wurde. Zugleich ist Faye eine von vielen malickschen Charakteren, auf der Suche nach sich selbst und ihrer Bestimmung. Sie treibt eine gewisse Leere an, die sie sich vermutlich selbst nicht ganz erklären kann, die sie aber versucht, durch Sex zu füllen. Aber “sex without love inevitably proves to be a crucial false promise, a temptation that leads to suffering” [11]. Etwas, das Rhonda später sehr viel deutlicher erfährt als Faye, als sie sich in Cooks sexuellen Extravaganzen verliert.


Auch Cook füllt die Leere in sich mit Sex, mit Partys, mit materiellen Ergüssen. In einer Szene zeigt er Faye sein neues Anwesen. Nur wenige Woche wohnt er in diesem – und gibt sich bereits von ihm gelangweilt. Für Faye mögen Cook und BV nicht nur zwei unterschiedliche sexuelle Partner darstellen, sondern auch zwei verschiedene Lebensentwürfe. BV ist ein Idealist, der zwar gewillt ist, mit Cook einen Plattenvertrag abzuschließen, aber nur unter bestimmten Bedingungen, die seine Integrität gegenüber seiner Musik und sich bewahren. Und wie so viele malicksche Männer-Figuren hat auch BV ein zerrüttetes Verhältnis zu seinem Vater, ähnlich dem von Jack in The Tree of Life oder Rick in Knight of Cups. Und wie diese vor ihm lernt auch BV letztendlich, seinem Vater zu vergeben.

Was alle Figuren eint, ist ihr Gefühl der Verloren- und Orientierungslosigkeit. Keine von ihnen weiß wirklich, was die Bestimmung ihres Lebens ist. Harmonie finden Faye, BV und Cook kurzzeitig in ihrer gemeinsamen Gesellschaft, in Cooks Privatflieger oder während eines Kurztrips nach Mexiko. Langfristig ist dies jedoch kein Modell für fortwährendes Glück. Und so triften die Figuren im zweiten Akt des Film schließlich auch auseinander. Cook zu Rhonda, in der Hoffnung, die Gefühle zwischen Faye und BV auf diese Beziehung zu übertragen. Faye wiederum lässt sich auf die reifere Französin Zoey (Bérénice Marlohe) ein, die jedoch bald darauf von der Unschlüssigkeit des jungen Mädchens gelangweilt wirkt. Ähnlich gelangweilt wirkt auch Amanda (Cate Blanchett), eine kurze Affäre von BV.

Somit bestätigt Malick mit Song to Song erneut, dass er „zu den letzten großen Sinn-Suchern des Weltkinos gehört“ [12]. Das große Wieso und Warum ist schon länger Bestandteil seiner Arbeit, durchzieht gerade seine jüngeren Werke. Auch hier, wie in Knight of Cups, scheinen die zentralen Figuren erst zur Ruhe zu kommen, als sie von ihrer Rastlosigkeit zu lassen lernen. “You will never be happy if you continue to search for what happiness consists of”, sagte der französische Philosoph Albert Camus. “You will never live if you are looking for the meaning of life.” Ähnlich formulierte es auch John Hughes (“Life moves pretty fast [...] You might miss it”) in Ferris Bueller’s Day Off, genauso wie John Lennon (“Life is what happens to you while you're busy making other plans”) in “Beautiful Boy”.


Dies alles erzählt Malick wie immer in den elegischen Bildern von Kameramann Emmanuel Lubezki, weniger durch das – ebenfalls wie immer – nicht vorhandene Drehbuch. Vielmehr besteht die nicht chronologisch präsentierte Handlung aus narrativen Fragmenten, welche vom Zuschauer erfordern “to go with the flow as you also puzzle together the story’s parts, themes and circling characters” [13]. Das Ergebnis ist in Song to Song weitaus kohärenter als in Malicks vergangenen Arbeiten, “the film has a rich, complex, thoroughly imagined plot of a novelistiv amplitude”, meint Richard Brody [14]. Und sieht zugleich weniger die Handlung im Vordergrund als die künstlerische Arbeitsweise des texanischen Regisseurs [15], der schon längst – oder: immer? – nicht “commercial cinema’s rules” folgt [16].

Die Misé-en-scene des Regisseurs ist der Star seiner Filme – und zieht selbst jede Menge Stars an. Viele von ihnen tauchen nicht einmal im fertigen Produkt auf, dass sich aufgrund seines fehlenden Drehbuchs stets erst Jahre nach Drehschluss in den Händen mehrerer Cutter findet [17]. Die Tatsache, dass die Schauspieler kein Drehbuch haben, gibt ihnen viele Freiräume, die jedoch auch genutzt werden müssen. Manohla Dargis sieht in Malicks Inszenierungsstil mit seiner losen und primär durch Bildfragmente präsentierten Narration eine enorme Bürde für das Ensemble. Die Darsteller “need to build their characters primarily through individual voice-overs and in onscreen silence or near-silence, in gestures and movement” [18]. Das kann gut, aber auch bei manchem in die Hose gehen.

“What actors do when they aren’t sure what they’re supposed to do”, beschreibt es Matt Zoller Seitz zynisch [19]. Das Ergebnis ist in Song to Song durchwachsen, gerade Michael Fassbender tut sich schwer, ist aber womöglich auch prinzipiell fehlbesetzt. Derweil gelingt es Rooney Mara und Ryan Gosling durchaus bisweilen, durch Blicke und Bewegungen einen Zugang ins klassische malicksche Spiel zu finden. Natalie Portman und Cate Blanchett sind da durch ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur im Vorgänger Knight of Cups schon etwas erprobter. Weitaus harmonischer wirken da beinahe die zahlreichen Musiker-Cameos, von Iggy Pop über Lykke Li bis hin zu den Red Hot Chili Peppers und Patti Smith. Gerade Letztere nimmt dabei innerhalb des Films eine Mentorinnen-Rolle für Faye ein.


Insgesamt schließt Song to Song sowohl thematisch als auch technisch eine Trilogie mit To the Wonder und Knight of Cups ab. “A trilogy of contemporary soul-searching (…) in visual and narrative fragmentation to startling, sometimes perplexing extremes”, wie es Justin Chang beschreibt [20]. Gut möglich – wenn auch nicht gesichert – ist es also, dass Malicks kommender Film Radegund wieder „gewöhnlicher“ daherkommt, als die vergangenen drei Filme des Texaners. Und selbst wenn nicht, wäre es kein Beinbruch. Der Amerikaner “catches life at its most dynamic and its most unstable” [21] wie vielleicht kein zweiter Regisseur heutzutage. Als “one of cinema’s philosopher kings” [22], der mit Song to Song seine jüngste “cinematic symphony” [23] auf die Kino-Banausen losgelassen hat.

Klar sollte inzwischen sein, dass wer mit der künstlerischen Art und Weise, wie Terrence Malick Filme dreht, nicht glücklich ist, dies wohl auch nicht mehr wird [24]. “Beauty and redundancy have become the defining hallmarks of Malick’s filmmaking”, resümiert Chang [25]. “And as long as cinema endures, so will the debate over whether his work deserves our celebration or ridicule.” [26] Malick versteht dabei durchaus, durch Setting-Wechsel seiner „Masche“ etwas neues abzugewinnen. Generell ist die Repetition des Auteurs keineswegs zu verurteilen, vielmehr erfrischend angesichts des Einheitsbreis, den das Kino sonst bereithält. Und schließlich wusste bereits Aristoteles: „Wir sind, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“



Quellenangaben:

[1] vgl. Debruge, Peter: SXSW Film Review: ‘Song to Song’, in: Variety, 10.3.2017, http://variety.com/2017/film/reviews/song-to-song-review-terrence-malick-1202006184/.
[2] ebd.
[3] vgl. Zoller Seitz, Matt: Song to Song, in: RogertEbert.com, 17.3.2017, http://www.rogerebert.com/reviews/song-to-song-2017.
[4] vgl. Abeltshauser, Thomas: Kritik zu Song to Song, in: epd Film, 21.4.2017, http://www.epd-film.de/filmkritiken/song-song.
[5] s. https://www.rottentomatoes.com/celebrity/terrence_malick.
[6] vgl. Travers, Peter: 'Song to Song' Review: Terrence Malick's Austin-Music Movie Is One Texas Turkey, in: Rolling Stone, 15.3.2017, http://www.rollingstone.com/movies/reviews/peter-travers-song-to-song-movie-review-w471947.
[7] vgl. Zoller Seitz, Internet.
[8] ebd.
[9] vgl. Leigh, Danny: Is Terrence Malick ahead of his time or out of date?, in: The Guardian, 9.3.2017, https://www.theguardian.com/film/2017/mar/09/is-terrence-malick-ahead-of-his-time-or-out-of-date.
[10] Hooton, Christopher: Terrence Malick's Song to Song film review: A masterpiece, life-changing and other superlatives I stand by, in: Independent, 11.3.2017, http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/films/reviews/terrence-malick-song-to-song-review-2017-ryan-gosling-rooney-mara-michael-fassbender-natalie-portman-a7624316.html.
[11] vgl. Dargis, Manohla: Review ‘Song to Song‘. Terrence Malick’s latest, beautiful puzzle, in: The New York Times, 16.3.2017, https://www.nytimes.com/2017/03/16/movies/song-to-song-review-terrence-malick.html.
[12] vgl. o.A.: „Song to Song“ von Terrence Malick. Gosling, Portman & Co. – Star-Aufgebot zieht durch Austin, in: NWZ Online, 19.5.2017, https://www.nwzonline.de/kultur/gosling-portman-co-star-aufgebot-zieht-durch-austin_a_31,3,12215089.html.
[13] vgl. Dargis, Internet.
[14] vgl. Brody, Richard: “Song to Song”: Terrence Malick’s Romantic Idealism, in: The New Yorker, 16.3.2017, http://www.newyorker.com/culture/richard-brody/song-to-song-terrence-malicks-romantic-idealism.
[15] ebd.: “Malick makes art – his art – the subject of the film.”
[16] vgl. Zoller Seitz, Internet.
[17] So fielen in Song to Song neben Christian Bale auch Benicio del Toro und Haley Bennett nebst anderen der Schere zum Opfer, vgl. Donnelly, Matt: Christian Bale, Benicio del Toro, Haley Bennett All Cut From Terrence Malick’s ‘Song to Song’ at SXSW, in: The Wrap, 10.3.2017, http://www.thewrap.com/christian-bale-benicio-del-toro-haley-bennett-cut-terrence-malicks-song-song-sxsw/.
[18] vgl. Dargis, Internet.
[19] vgl. Zoller Seitz, Internet.
[20] vgl. Chang, Justin: Terrence Malick's 'Song to Song' finds beauty, frustration and hope in the Austin music scene, in: Los Angeles Times, 16.3.2017, http://www.latimes.com/entertainment/movies/la-et-mn-song-to-song-review-20170316-story.html.
[21] vgl. Brody, Internet.
[22] vgl. Dargis, Internet.
[23] vgl. Chang, Internet.
[24] Oder erst, wie so viele Künstler, nach seiner Zeit gewürdigt wird, wie Danny Leigh in den Raum wirft: “It may well be that he is now working so far ahead of the curve that we will only realize how great his later films were shortly before we all die”, vgl. Leigh, Internet.
[25] vgl. Chang, Internet.

[26] ebd.


Szenenbilder “Song to Song” © Studio Canal Filmverleih. Alle Rechte vorbehalten.

Once the soul was perfect


Er hat es mal wieder getan, Terrence Malick, „der gediegenste Schwurbelfilmer aller Zeiten“ [1]. Wie bereits mit The Tree of Life und insbesondere To the Wonder hat der texanische Regisseur das Publikum gespalten. So sehr, wie vermutlich noch nie, was durchaus kalkuliert sein mag. Denn wie bereits anderswo angemerkt, ist sein jüngster und siebter Film Knight of Cups den beiden Vorgängern nicht unähnlich. Mancher Kritiker sieht sogar eine potentielle Trilogie, die hier zu ihrem Abschluss kommt. Das Handwerk Malicks ist in Knight of Cups offensichtlich: ein stummer, sinnierender Hauptdarsteller, hübsche tänzelnde Frauen, ein bedeutungsschwangerer Voice-over und solche Themen wie Liebe, Zugehörigkeit, Einsamkeit und der Sinn des Lebens im Zentrum seines Films.

Die Handlung ist wie so oft mehr Setting, lediglich ein Rahmen. Der Zuschauer begleitet dabei den Hollywood-Autor Rick (Christian Bale) durch vereinzelte Erinnerungen aus dessen Leben. Von illustren Partys voller attraktiver und entsprechend narzisstischer Menschen wie die von Tonio (Antonio Banderas), hin zu Treffen mit seinem Bruder Barry (Wes Bentley) und ihrem Vater Joseph (Brian Dennehy), vor allem jedoch bei Ricks verschiedenen romantischen Affären. Hierbei handelt es sich um Models wie Della (Imogen Poots) und Helen (Freida Pinto), um Nachtclub-Tänzerinnen wie Karen (Teresa Palmer), auch verheiratete Frauen wie Elizabeth (Natalie Portman) oder, mit einer Sonderstellung, Ärztin Nancy (Cate Blanchett), mit der Rick eine gescheiterte Ehe verbindet.

Rick ist dabei ein Ruheloser, “a pilgrim in this world”, wie sein Vater sagt. Er sucht – wie wir alle – seinen Platz in dieser Welt. “I can’t remember the man I wanted to be”, verrät uns die Figur an einer Stelle hinsichtlich ihrer Zweifel. „Jene große, kosmologische Sinnsuche, die Malicks Filme inzwischen mit ziemlicher Ausschließlichkeit sind“ bildet auch das Fundament von Knight of Cups [2]. Dabei sollte der Fokus nicht zu sehr auf die Rollenbeschreibung gesetzt werden. Dass Rick ein wohlhabender, in Armani gekleideter Hollywood-Mensch ist, der sich in seiner Freizeit mit jungen hübschen Frauen verlustiert, ist bei Malick weniger Thema als Setting. Wer darüber nicht hinwegsieht, muss wie Bradshaw resümieren, dass Ricks Situation die “least interesting spiritual crisis” ist [3].


Es geht in Knight of Cups nicht um Hollywood oder den Lebensstil der Schönen und Reichen. Im Prinzip unterscheidet sich Rick nicht sehr viel mehr von den anderen malickschen Figuren wie Neil in To the Wonder oder John Smith in The New World: Stets sind es Männer, die sich nach Liebe, Frieden und Freiheit sehnen. “I always think that women are going to safe me, lead me through to a better life, that they can change and redeem me”, legte schon Nick Hornby seiner Figur in High Fidelity in den Mund [4]. Ähnlich ergeht es auch Rick, Neil und Co. in Malicks Filmen – ob diese Komödienautoren sind oder Entdecker ihrer Majestät ist von keiner Bedeutung. Sie alle sind Platzhalter für den Mensch an sich, auf der Suche nach seiner Bestimmung. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Innerhalb des Films rezitiert Ricks Vater eine eigene Geschichte eines jungen Prinzen, der einst auszog, um eine Perle zu finden, stattdessen aber vergass, wer er war. Eine Anekdote, die sowohl für Rick steht wie für uns alle. Bales Figur wandelt scheinbar ziellos durch dieses Leben, die Treffen mit seinen Kollegen oder Agenten gehen ebenso an ihm vorüber wie die Partylandschaft von Tonio. Geborgenheit verspricht sich Rick von seinen weiblichen Bekanntschaften. “You don’t want love”, urteilt Della. “You want a love experience.” Sie alle scheinen, ähnlich wie Marina und Jane in To the Wonder, ganz vernarrt in Rick. Doch genauso wie die Damen im Vorgänger finden sie bei ihm kein Glück, verkommen vielmehr zu einer Parade, die sich einander den Rick-Staffelstab weiterreicht.

Der Kern der Unzufriedenheit der Figur scheint sich in der Vergangenheit zu finden. Auch Rick und Barry verloren einst einen Bruder, ähnlich wie Jack und Steve in The Tree of Life. Dort wie hier ist die Beziehung der Söhne zu ihrem Vater vorbelastet – nicht zuletzt wegen der Schuldfrage des Brudertodes. Erneut verarbeitet Malick somit jenes biografische Trauma, das bereits das Fundament für seinen fünften Film darstellte. Und wenn man so will, kann Knight of Cups in dieser Hinsicht gewissermaßen als Fortsetzung zu The Tree of Life gesehen werden, mit Christian Bale als Ersatz für Sean Penn und Brian Dennehy für Brad Pitt. Aber auch so scheint Ricks Bruder Barry ähnlich ruhelos wie der Rest der Familie, jedoch mit einer tiefsitzenden, destruktiven Aggression versehen.


Ein Subplot, zu dem Malick immer wieder zurückkehrt, der jedoch ebenso wenig wie der Rest des Films in gewohnter Manier erzählt wird. Sein Werk “is designed not to play out dramatic encounters in a theatrical way, but to capture moments in their immediate essence, much as one might remind them”, findet McCarthy [5]. “It’s a misapprehension to say Malick doesn’t care about story”, betont Zeitchick dabei, “it just comes to us in a different way.” [6] Für Borcholte ist das Ergebnis sogar „vielleicht der zugänglichste und kohärenteste Malick-Film seit (…) ’The Thin Red Line’” [7]. Auch wenn sowohl seine Themen wie seine Inszenierung vom Feuilleton und den Kritikern nach des Regisseurs nun drittem Film in bloß drei Jahren inzwischen reichlich zwiespältig wahrgenommen werden.

Die Inszenierung sei „nur noch lächerlich“ heißt es da [8], der Film „erinnert an Parfüm-Werbung in der Dauerschleife“ [9]. Malicks Stil, der einst The Thin Red Line eine Sonderstellung verlieh und den Texaner endgültig zum Film-Poeten erhob, scheint sich nun gegen ihn gekehrt zu haben. Für Barber ist Knight of Cups daher eine “ludicrous self-parody” [10], ähnlich sieht es Bradshaw, der kritisiert, Malicks “style is stagnating into mannerism, cliche and self-parody” [11]. Eine Ansicht, mit der er nicht alleine dasteht. Zwar schreibt McCarthy dem jüngstem Werk zu, “a resolutely poetic and impressionist film” zu sein, sieht in ihm aber auch “a certain tedium and repetitiveness” [12]. Oder wie Maier meint: „Nur eine Weiterführung der bereits bekannten Form des filmischen Essays.“ [13]

Emmanuel Lubezkis Bilder seien durchaus “lovely to regard – but only diehard Malick fans may not tire of watching the same tropes rearranging indefinitely”, resümiert Kohn [14]. Immerhin: Wo To the Wonder sich zuvorderst wie ein Best-of von Malicks bisherigem Schaffen anhörte, rezitiert sich der 71-jährige Regisseur in Knight of Cups nicht primär selbst. Nichtsdestotrotz sind Lubezkis Bilder und der sinnierende Voice-over natürlich immer noch vorhanden – und nicht (mehr) jedermanns Sache. “Merely (..) picture-postcard snapshots”, urteilt Fujishima über die Arbeit des Kameramanns [15]. Und ätzt, der Voice-over “seems to plumb new depths of platitudinous banality” [16]. Sogar Zeitchik räumt ein, Knight of Cups sei “less a new work than an extension of all [Malick’s] been up to” [17].


Das ist natürlich keineswegs falsch, aber zugleich auch nur bedingt richtig. Befassten sich die letzten beiden Filme mit dem Erwachsenwerden und Familienleben sowie Liebe und Ehe, liegt der Fokus dieses Mal konkret auf Rick als Suchendem. Obschon er alles hat, was sich die meisten Menschen wohl erträumen, erfüllt ihn das nicht mit Zufriedenheit. Die unberechenbare Della ebenso wenig wie die anmutig schöne Helen. Malick reißt zumindest an, dass es einen Rick vor jenen Erinnerungen gab, die wir sehen. “You’re different these days”, stellt Ex-Frau Nancy fest, mit der Rick zumindest zeitweise glücklich gewesen sein muss. Ähnlich zufrieden sehen wir ihn im Folgenden nur noch mit der unbeschwerten Karen und der hin und her gerissenen Elizabeth.

All jene Sorgen, die sich erstere nicht macht, lasten auf den Schultern von letzterer. “Once the soul was perfect and had wings and could soar into heaven”, heißt es an einer anderen Stelle, die die Menschen somit zu gefallenen Engeln macht, zurückgelassen und verloren auf der Erde, einen Weg zurück ins Paradies suchend. Entsprechend macht es Sinn, dass Malick seine Figur in die Stadt der Engel, Los Angeles, sowie später auch in den Sündenpfuhl Las Vegas platziert. “Find your way. From darkness to light”, bleut Joseph seinen Söhnen ein. Nur den Weg selbst kann er ihnen nicht zeigen. Und Rick und Barry, so hat man den Eindruck, nicht finden. “All those years living the life of someone I didn’t even know”, reflektiert der Hollywood-Autor sein leeres luxuriöses Lifestyle-Leben.

“Malick is too vague about the nature of his hero’s dissatisfaction to engage us”, kritisiert Barber ähnlich wie Bradshaw [18]. Dabei missverstehen beide womöglich, dass Malicks Protagonisten keine gewöhnlichen Figuren sind, vielmehr bedient sich der Regisseur seiner Darsteller “as vessels for his themes and ideas”, wie Chang kritisiert [19]. Malick skizziert seine Charaktere inzwischen nur noch rudimentär, ein Drehbuch lag in Knight of Cups wie bereits in To the Wonder nicht mehr zugrunde [20]. Dies rührt zugleich in einem Vertrauen für sein Ensemble, selbst ihre Figuren mitzugestalten und diese zu formen. Wie viel von deren Interpretation es dann jedoch in den Film schafft, ist sicher offen. Entsprechend dauerte es zwei Jahre, ehe sich Knight of Cups in der Post-Produktion fand.


Gerade dass der Film dabei nicht wirklich zusammenhängend sondern mehr episodenhaft erzählt wird, gereicht ihm dabei für meinen Geschmack zum Vorteil. Kohns Empfinden, dass “it’s restlessness eventually grows tedious” [21] kann zumindest ich nicht beipflichten. Vielmehr erinnert mich die Art der Inszenierung – nicht zuletzt auch aufgrund des Settings – an Paolo Sorrentinos ähnlich aufgebauten und meisterhaften La grande bellezza. Kein Wunder rücken andere Kritiken den Film thematisch in die Nähe von Federico Fellini und dessen Meisterwerke wie La dolce vita oder . Fujishima sieht hierbei sogar eine Erklärung für die Gestaltung und das Scheitern des Films: “In some ways, this is the filmmaker’s 8½: a feature-length riff on his own creative frustration.” [22]

Und in der Tat wirkt der Film und seine Rezeption irgendwie durchaus verwandt mit Fellinis Magnum opus. „Du willst von der Verwirrung erzählen, die jeder in sich spürt“, heißt es in diesem an einer Stelle hinsichtlich des Films im Film von Guido (Marcello Mastroianni). Dieser sei bloß eine „Aneinanderreihung überflüssiger Episoden“. Nur will Knight of Cups weniger Kommentar auf die Filmindustrie sein als auf das Leben. Am Ende steht dabei natürlich wieder eine Frau, Isabel (Isabel Lucas), der sich der Film jedoch nicht wirklich widmet. Sie ist einfach da und Rick inzwischen Vater. Und, so wirkt es jedenfalls, glücklich. Angekommen. “I was afraid when I was young”, sagt Rick in einer Szene. “Afraid of life.” Aber wer ist das nicht? So hört es die Figur auch von ihrem Vater, der sich in ihr wiederfindet.

Womöglich musste Rick dieselbe Erfahrung machen wie Nick Hornbys Romanfigur: “Maybe we all live life at too high a pitch, those of us who absorb emotional things all day, and as a consequence we can never feel merely content.” [23] Erst indem Rick selbst zum Vater wird, kann er als Sohn seinem eigenen Vater vergeben. Vielleicht ist dies die Botschaft des Films – wer kann bei Malick da schon sicher sein? –, dass der Sinn des Lebens im Schenken von Leben steckt. Genau weiß man dies natürlich nicht, da der Film doch etwas kryptisch, da nicht chronologisch erzählt, ist. Genauso wie die Hauptfigur weniger Zugang zu ihren Gedanken gewährt als Hunter McCracken/Sean Penn sowie Olga Kurylenko zuvor. Die Bilder sprechen für sich – und lassen zugleich Deutungen offen.


“In his own idiosyncratic way, Malick comes as close as anyone does today to making silent films”, findet McCarthy [24]. Die Bilder stehen beim Texaner über allem, sie sind es, die seine Geschichte erzählen, die das Thema und Motiv als Handlung tragen. Immer wieder suchen sie sich dabei den Weg an den Strand oder ins Wasser eines Pools, wo Rick die meisten seiner weiblichen Partner hinführt. “The film’s signature shot”, kommentiert Chang amüsiert [25]. Man mag es als Taufe der Liebe zur jeweiligen Dame lesen, aber schon Emerson sprach vom Fluss als Erinnerung an “the flux of all things” [26] und für Naturphilosoph Thales war Wasser der Urgrund allen Seins [27]. Kein Wunder, dass Rick sich immer wieder zu diesem hingezogen fühlt, wie viele malicksche Figuren vor ihm.

Mancher Kritiker durchschaut das durchaus. “Those who have had their fill with the director’s impressionistic musings will find his seventh feature as empty as the lifestyle it puts on display”, räumt Chang ein. “For the rest of us (…) this cinematic oddity represents another flawed but fascinating reframing of man’s place in the modern world.” [28]. Ähnlich wie seine Figuren scheint auch Malick derzeit vielleicht seinen Platz in der Kinolandschaft zu suchen. Antworten hält eventuell sein nächstes Werk – das wohl Weightless heißen soll – bereit, auch wenn dieses back-to-back mit Knight of Cups entstand. Gut möglich, dass Malick sich auch darin treu bleibt. Das Ergebnis wäre dann wie zuletzt sicher “infuriating to some” und “thrilling to others” [29]. Eben ein echter Terrence-Malick-Film.


Quellenangaben:

[1] Maier, Roland: Knight of Cups oder L.A.ngeweile, in: Outnow, 15.2.2015, https://outnow.ch/Movies/2015/KnightOfCups/Review/.
[2] Foerster, Lukas: Kosmologische Sinnsuche in Terrence Malicks Knight of Cups, in: Perlentaucher, 8.2.2015, https://www.perlentaucher.de/berlinale-blog/522_kosmologische_sinnsuche_in_terrence_mailcks_%22knight_of_cups%22_(wettbewerb).html.
[3] Bradshaw, Peter: Berlin 2015 review: Knight of Cups – Malick’s back! With the least interesting spiritual crisis in history, in: The Guardian, 8.2.2015, http://www.theguardian.com/film/2015/feb/08/knight-of-cups-review-film-terrence-malick-christian-bale.
[4] Hornby, Nick: High Fidelity, London, 2000, S. 50.
[5] McCarthy, Todd: Knight of Cups. The Berlin Review, in: The Hollywood Reporter, 8.2.2015, http://www.hollywoodreporter.com/movie/knight-cups/review/771145.
[6] Zeitchik, Steven: “Knight of Cups”: Why Terrence Malick is at the top of his game, in: L.A. Times, 9.2.2015, http://www.latimes.com/entertainment/movies/moviesnow/la-et-mn-knight-of-cups-terrence-malick-movie-christian-bale-20150209-story.html#page=1.
[7] Borcholte, Andreas: Berlinale-Film von Terrence Malick. Im Dolce-Vita-Wahn, in: Spiegel Online, 8.2.2015, http://www.spiegel.de/kultur/kino/berlinale-knight-of-cups-von-terrence-malick-im-wettbewerb-a-1017374.html.
[8] Maier, Internet.
[9] o.a.: “Knight of Cups”. Wie ein langer Werbeclip, in: Berliner Zeitung, 8.2.2015, http://www.bz-berlin.de/kultur/berlinale/knight-of-cups-wie-ein-langer-werbeclip.
[10] Barber, Nicolas: Knight of Cups is Terrence Malick’s worst, in: BBC, 10.2.2015, http://www.bbc.com/culture/story/20150210-terrence-malicks-worst-film-ever.
[11] Bradshaw, Internet.
[12] McCarthy, Internet.
[13] Maier, Internet.
[14] Kohn, Eric: Berlin Review. Terrence Malick’s “Knight of Cups” Pushes the Director’s Style to Its Limits, in: Indiewire, 8.2.2015, http://www.indiewire.com/article/berlin-review-terrence-malicks-knight-of-cups-pushes-the-directors-style-to-its-limits-20150208.
[15] Fujishima, Kenji: Berlinale Review. Knight of Cups, in: Slant Magazine, 8.2.2015, http://www.slantmagazine.com/house/article/berlinale-review-knight-of-cups.
[16] Ebd.
[17] Zeitchik, Internet.
[18] Barber, Internet. Siehe hierzu auch [3].
[19] Chang, Justin: Berlin Film Review. Knight of Cups, in: Variety, 8.2.2015, http://variety.com/2015/film/reviews/berlin-film-review-knight-of-cups-1201425546/.
[20] siehe Barber (Internet) und Maier (Internet).
[21] Kohn, Internet.
[22] Fujishima, Internet.
[23] Hornby, S. 131.
[24] McCarthy, Internet.
[25] Chang, Internet.
[26] Emerson, Ralph Waldo: Nature (1836), in: Ders.: Nature and Other Essays, Mineola 2009, S. 1-33, hier S. 2.
[27] vgl. Aristoteles: Metaphysik I, 3, http://classics.mit.edu/Aristotle/metaphysics.1.i.html.
[28] Chang, Internet.
[29] Zeitchik, Internet.

Szenenbilder Knight of Cups © Studiocanal GmbH Filmverleih.